Hier können Sie die Auswahl einschränken.
Wählen Sie einfach die verschiedenen Kriterien aus.
Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen
Marko Lipuš: Kratzung TACTICS 7 aus der Serie Echte Spielfiguren, 2011

Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen

Fotografie konfrontiert Geschichte
6. Monat der Fotografie Berlin

Adam Broomberg & Oliver Chanarin » Antoine d'Agata » Attila Floszmann » Vera Frenkel » Nan Goldin » Stephanie Kloss » Marko Lipuš » Andreas Mühe » Klaus Mettig » Erwin Olaf » Trevor Paglen » Aura Rosenberg » Anna Charlotte Schmid » Tomas Soltys » Nasan Tur » Pablo Zuleta Zahr »

Exhibition: 17 Oct – 15 Dec 2014

Thu 16 Oct 19:00

Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstr. 7
10963 Berlin
Wed-Mon 10-19

Gropius Bau

Niederkirchnerstr. 7
10963 Berlin

+49 (0)30-254860


www.gropiusbau.de

Wed-Mon 10-19

Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen
Tomáš Šoltýs: Videostill aus Man on the River, 2011

Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen
Fotografie konfrontiert Geschichte


Ausstellung: 17. Oktober bis 15. Dezember 2014
Eröffnung: 16. Oktober, 19 Uhr

Wie werden geschichtliche Ereignisse, kulturelle Besonderheiten und deren Veränderungen oder soziale Verhältnisse heute von Fotograf/innen und Künstler/innen dargestellt? Wie wird Erinnerung formuliert und dem Vergessen entgegengewirkt?

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich eine Art der Fotografie etabliert, die sich explizit von den lange Zeit geltenden Prinzipien der dokumentarischen Fotografie und des Fotojournalismus abwendet. Die Fotograf/innen setzen den auf Objektivität und objektiver Vergegenwärtigung basierenden Strategien einen emotional aufgeladenen Blick entgegen. Es handelt sich um einen professionellen, absichtsvollen Blick, der gleichzeitig von Faszination zeugt und investigativ ist.

Sentimentalität wird üblicherweise mit Mitleidsgesten, Nostalgie oder Rührung in Verbindung gebracht – mit einer Wahrnehmung, die der rationalen Weltsicht entgegengesetzt scheint und den Blick auf deren Strukturen trübt. Davon unterscheidet sich der Begriff des Sentimentalen, wie er hier im Bezug zur künstlerischen Praxis angewendet wird: Das Emotionale wird als ein kommunikatives Werkzeug betrachtet, um Aufmerksamkeit zu erregen, zu appellieren und intensive Regungen beim Gegenüber hervorzurufen.

Die Künstler/innen, die der Monat der Fotografie Berlin mit den europäischen Partnerstädten für das gemeinsame Ausstellungsprojekt Memory Lab ausgewählt hat, inszenieren, spitzen zu, nutzen theatralische Effekte. Sie wollen mit ihren Bildern aufrütteln und den Betrachter involvieren. Sie wollen Geschichte aufbrechen und mit emotionaler Kompetenz analysieren. Sie arbeiten essayistisch, entwickeln Fotoserien und erzählerische Videos.

Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen
Broomberg & Chanarin: aus der Serie Divine Violence, 2013

Antoine d'Agata | Anticorps
*1961 in Marseille, lebt in Frankreich und anderswo
Antoine d’Agata  bedient sich des Mittels der Bewegungsunschärfe: Er macht die fotografische Begegnung mit seinen von ihm abgebildeten, stark erotisierten Menschen geradezu körperlich erfahrbar. Ob in Phnom Penh, Amsterdam, São Paulo, Vilnius oder Hamburg: Die Porträtierten werden Teil einer Interaktion, in der der Künstler nicht nur registriert oder beobachtet, sondern völlig involviert zu sein scheint. Verwischungen werden zum Prinzip einer emotional aufgeladenen, ekstatischen Verausgabung, in der der Fotografierende ebenso wie der Betrachter gefangen sind. Dennoch sind es schroffe Bilder der Vereinzelung, der Isolation im Dunkel eines nicht weiter konturierten Raums, die den Gemälden von Francis Bacon ähneln.

Broomberg & Chanarin | Divine Violence
Adam Broomberg: *1970 in Johannisburg, Südafrika; lebt in London
Oliver Chanarin: *
1971 in London; lebt in London
Mit Divine Violence präsentiert das Künstlerduo Broomberg & Chanarin sein vielfach ausgezeichnetes Buchprojekt Holy Bible (2013) als eigenständige Inszenierung. Äußerlich mit schwarzem Einband, Dünndruckpapier und Goldschnitt von einer Bibel nicht unterscheidbar, erschließt sich innen eine auf der Basis der biblischen Erzählungen illustrierte Geschichte menschlichen Daseins in einer Aneinanderreihung von Bildern der Macht und Szenen extremer Gewalt: Darstellungen von Sexualität, Dressur, Akrobatik, Fotografien von Hellsehern und Zauberern neben vielen anderen, oft schockierenden Illustrationen. Die Macht der Bilder überlagert den Text; Unterstreichungen markieren Worte und Textstellen. So entsteht eine Metaerzählung, die die vielfältigen Ideen und Fertigkeiten des Menschen, ihre Ausgeburten, Zwänge und katastrophalen Folgen in ein Spannungsverhältnis zum göttlichen Glauben und seinen Determinismus bringt.

Attila Floszmann | Silence After the Revolution
*1982 in Budapest, lebt in Ungarn
Attila Floszmann greift beim Fotografieren in Libyen nach den Gefechten im Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi und seine Gefolgsleute (2011) auf Polaroid-Film zurück. Für seine Serie Silence After the Revolution  (2011 – 2013) verwendete er eine alte Polaroid SX-70-Kamera sowie einen Polaroid 600-Film, der auf die Gegebenheiten der extremen Wetterbedingungen in der Wüste auf eigenartige Weise reagierte. Es ist ein sehr intimes, kleinformatiges Medium, auf dem die Relikte des Krieges und die Ruinen in der eintönigen Landschaft durch die vom Wüstenklima hervorgerufene, weiche, veredelnde Unschärfe des Sofortbildmaterials merkwürdig ästhetisiert erscheinen. Der Krieg ist vorbei; die Trümmer werden im neuen Alltag wie konserviert noch lange an die Kämpfe erinnern.

Vera Frenkel | The Blue Train
*1938 in Bratislava, Tschechoslowakei, lebt in Toronto
Vera Frenkel verarbeitet in The Blue Train (2012), einer komplexen Anordnung aus Großbildschirmen, Fotografien und Tablet-Computern, die Geschichte ihrer Mutter, die 1939 aus der ehemals Tschechischen Republik über unzählige Grenzen – da für sie als Jüdin das Durchqueren deutschen Territoriums zu gefährlich war – nach London flüchten musste. Damit parallelisiert sie die Erinnerungen von Werner Wolff, einem aus Deutschland in die USA emigrierten jüdischen Fotografen, der als amerikanischer Kriegsberichterstatter 1945 über seine zerstörte Heimatstadt Mannheim berichtete. In einer großformatigen Simultan-Videopräsentation werden beide Reisebewegungen durch das Vor- und Nachkriegseuropa und die daran angeknüpften Erinnerungsbilder enggeführt. Sie schieben sich in exemplarischen Motiven palimpsestartig in- und übereinander, wiederholen sich, verschwinden und tauchen wieder auf, wie Erinnerungsfetzen von niedergeschriebenen und erzählten Geschehnissen. In 32 Kurzfilmen komprimiert Frenkel Beobachtungen und typisierte Alltagsbegebenheiten während der fiktiven Zugreise. Die Black Star Historical Black and White Photography Collection sowie das Werner-Wolff-Archiv (beide im Besitz des Ryerson Image Centre, Toronto) lieferten Frenkel umfangreiches Bild- und Textmaterial.

Nan Goldin | Scopophilia
*1953 in Washington, D.C., lebt in New York und Paris
In Nan Goldins suggestiver Videoarbeit Scopophilia (2010) – die Liebe zum Schauen – verbindet sie Fotos von Gemälden aus dem Louvre mit den äußerst persönlichen Bildern ihrer Freunde aus ihrer mehr als 35-jährigen Schaffensphase. Begleitet von einem mitreißenden Soundtrack stellt die amerikanische Künstlerin Gesten und Posen, Haltungen und Gebärden gegenüber und entwickelt so eine Ästhetik der Nähe, der Freundschaft, der Galanterie und der Liebe, die sie in der Malerei und Skulptur ebenso wiederentdeckt, wie in den Augenblicken des Entstehens ihrer eigenen Werke. Es ist eine fortlaufende Folge von Pathosformeln, mit deren Festhalten sie die Fotografie und ihre Abgebildeten geradezu in den jahrhundertealten Kunstschatz einschreibt und gleichzeitig ihre Eigenständigkeit betont.
Scopophilia entstand im Rahmen des 2010 vom Regisseur Patrice Chéreau konzipierten Ausstellungsprojekts Les Visages et les Corps. Nan Goldin bekam die Möglichkeit, sich jederzeit in den Galerien des Louvre aufzuhalten.

Stephanie Kloss | Bei Otto
*1967 in Karlsruhe, lebt in Berlin
Stephanie Kloss spürt in Bei Otto (2010/2014) in idyllischen Aufnahmen von Hotel- und Freizeitanlagen auf der Insel La Gomera eine Geschichte sexueller Ausbeutung auf. El Cabrito, eine ehemalige Bananenplantage, diente dem Wiener Aktionskünstler und Maler Otto Mühl und seiner von ihm 1970 in Wien gegründeten Kommune nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl 1986 als Domizil für ihre alternative Form des Zusammenlebens. Traditionelle Beziehungsmuster wurden abgeschafft, nur das Kollektiv zählte. Die „freie“ Liebe mit verordneten Partner/innen strukturierte die Gemeinschaft. Mühl wurde 1991 wegen Kindesmissbrauchs innerhalb der Kommune zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Mit diesem geschichtlichen Wissen erscheinen einem die Motive von Kloss als Tatorte und die Fotos als mögliche Indizien für den Missbrauch.  Der Ort ist heute dem gehobenen Tourismus vorbehalten. An die vergiftete Vergangenheit dieses Ferienparadieses erinnert nichts.

Marko Lipuš | Kratzungen Echte Spielfiguren
*1974 in Eisenkappel/Železna Kapla, lebt in Wien
Marko Lipuš zerkratzt in seinen Kratzungen Echte Spielfiguren (2010 – 2012) die Negative von fotografierten Spielzeugfiguren in unterschiedlichen Soldatenuniformen und bringt damit neben einem künstlichen Alterungsprozess – als seien die Aufnahmen beschädigte Fundstücke – die Versehrung, die Zerfleischung des menschlichen Körpers durch den Krieg ins Spiel. Er inszeniert trickreich das Pathos der militärischen Pose und entmystifiziert gleichzeitig die Rolle des Soldaten in der postmodernen Gesellschaft durch den ironischen Rückgriff auf Plastikfiguren.

Klaus Mettig | Vor dem Licht
*1950 in Brandenburg, lebt in Düsseldorf und Berlin
Klaus Mettig hat 1985 während eines längeren Aufenthalts in Moskau die Stadt täglich fotografiert. Als Fremder aus dem Westen stand er ständig unter Beobachtung. Das Fotografieren von Staatsinsignien, des Militärs und von Regierungsgebäuden war verboten. Die Aufnahmen seiner Serie Vor dem Licht 1985 (Polarisation) entstanden heimlich auf sich selbstentwickelndem Film. Für die Präsentation als Simultanprojektion mit Diageräten wurden Ausschnittvergrößerungen nach Motiven, Farben und Strukturen geordnet. Die intensive Reproarbeit am Ausgangsmaterial befördert einen halluzinatorischen Effekt, der an unscharfe, fiebrige Traumbilder erinnert. Passanten, Parolen, Fernsehbilder, Birkenwald, der Rote Stern, Fahnen, Denkmäler und Trabantenstädte fügen sich zu einer über private Impressionen gespiegelte Ikonografie der UdSSR.

Andreas Mühe | Obersalzberg
*1979 in Karl-Marx-Stadt, lebt in Berlin
Andreas Mühe stellt Posen von Nazigrößen nach und bedient sich eines Fundus an detailgetreu nachgefertigten Kostümen aus jüngsten NS- und Wehrmachtsfilmen. Als Schauplatz seiner Porträts wählt er das Berchtesgadener Land mit der Alpenidylle, die schon zu Adolf Hitlers Zeiten für Propagandazwecke genutzt wurde. Die Vorlage für seine komplexe Fotoserie Obersalzberg (2011 – 2013) ist das immer noch wenig bekannte farbfotografische Werk von Walter Frentz (1907 – 2004). Frentz war Kameramann von Leni Riefenstahl, wurde später Kriegsberichterstatter für die Deutsche Wochenschau und zählte zum engsten Kreis Hitlers. In seinen Nachinszenierungen arbeitet Mühe mit den propagandistischen Motiven und bricht sie durch Veränderung von Bildmaßstäben, intensive Lichtsetzung, die Arbeit mit zeitgenössischen Gesichtern oder unerwartete Handlungen wie das häufige Urinieren im Zentrum des Bildes. Es gelingt ihm, die auf klaren Machtverhältnissen beruhende Faszination, die von diesen Farbfotografien ausgeht, zu erkunden. Gleichzeitig nimmt er auch das Genre des Historien- und Dokudramas aufs Korn, dessen Illusionsmaschinerie uns den Alltag der Nazis nahebringen soll.

Erwin Olaf | Berlin
*1959 in Hilversum, Niederlande, lebt in Amsterdam
Erwin Olaf taucht die Szenerien in seinen Carbon Prints in eine dunkle, historisierende Einfarbigkeit, aus der sich die Gegenstände und Personen reliefartig hervorheben. In seiner Berlin-Serie fotografiert er in den ehemaligen Sportstätten der Olympischen Spiele 1936 und im restaurierten Interieur des Logenhauses Berlin seltsame Tableaux mit sonderbaren Akteuren: Kinder in Lederuniform, ein mit Medaillen dekorierten, muskulösen Afroamerikaner, eine ältere hexenartige Frau. Es scheint eine für uns entlegene, düstere Welt zu sein, in der die Kinder wie die Alten böse sind; Nachfahren der Nazis, aggressiv, blasiert und missgünstig. Der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens wollte ursprünglich an den Olympischen Spielen 1936 aufgrund der Diskriminierung von Dunkelhäutigen und Juden in Deutschland nicht teilnehmen. Er gewann letztendlich vier Goldmedaillen, wurde erfolgreichster Sportler der Spiele und durchkreuzte die geplante Inszenierung arischer Überlegenheit.

Trevor Paglen | The Other Night Sky
*1974 in Camp Springs, Maryland, USA, lebt in New York und San Francisco
Trevor Paglen fotografiert schon seit Jahren einen menschengemachten, gefährlichen Himmel, der so gar nicht dem von Religion und Mythologie überformten Firmament mit seinen funkelnden Sternen entspricht. Das Universum ist angefüllt von Nachrichten- und Überwachungssatelliten. Es sind nicht die Kometen und Sternschnuppen, die ihn interessieren, sondern die Dinge, die wir im All abgesetzt haben und nach dessen Koordinaten er seine Kamera ausrichtet. In Paglens Astrofotografien sind geheime amerikanische Raumflugkörper vor einem Hintergrund aus Sternen, Sternbildern und kosmischem Nebel zu sehen. Erst durch technisch experimentelle und langwierige Recherchen gelingt es ihm aufzudecken, was von höchsten Stellen unter Verschluss gehalten wird. Paglen liefert uns bildmächtige, verführerische Fotografien einer Welt, die von der Spionage der NSA und vom Weltraumschrott – den Überbleibseln des Fortschritts der letzten sechs Dekaden – geprägt ist und definiert unseren Kosmos als The Other Night Sky neu.

Aura Rosenberg | The Angel of History
*1949 in New York, lebt in New York und Berlin
Aura Rosenberg lässt in ihrer Videocollage The Angel of History (2013) die menschlichen Erfindungen und kulturellen Errungenschaften seit den Kindertagen der Menschheit in scheinbarer Chronologie aufscheinen und im nächsten Moment wieder zerbersten. Wenn sie die Entwicklung der Kultur als Aneinanderreihung von Zerstörung und den Ertrag als Schutthaufen unserer Zivilisation darstellt, so bezieht sie sich auf Walter Benjamin und seine Beschreibung der Zeichnung Angelus Novus (1920) von Paul Klee. Die Künstlerin definiert wie Benjamin die Geschichte als eine Anhäufung von Katastrophen. Rosenberg übersetzt die vertikale Bewegung des Aufschichtens der Trümmer wie die Horizontale des Sogs in die Zukunft effektvoll in dynamische Szenen und rhythmisiert sie mit einem imposanten Soundtrack. Die Macht der unaufhörlich auftreffenden Bilder erzählt auch etwas von ihrer Haltung, ja ihren Befürchtungen der uns umgebenden Realität gegenüber: einer Wegwerfgesellschaft, in der Nachhaltigkeit meist nur ein Lippenbekenntnis bleibt. Es gelingt ihr, den Lauf der Geschichte als Schock zu inszenieren – ein Schock, der uns überwältigen und zum Handeln anstoßen soll.

Anna Charlotte Schmid | The Other Side of Venus
*1984 in Essen, lebt in Berlin
Anna Charlotte Schmid porträtiert in ihrer Serie The Other Side of Venus (2011 – 2012) in klassischer Manier queere junge Männer in Budapest, deren Freiheit durch staatliche Repression stark eingeschränkt ist. Auffällig sind ihre Frisuren und die Kleidung, die als Erkennungszeichen in einer Gesellschaft dienen, in der direkte Kontaktaufnahme sofort geahndet werden könnte. Mit ausgeklügelter Lichtführung und genau ausgewählten, oft transitorischen Orten, wie Korridoren oder Hauseingängen, oder vor symbolisch wirkenden Hintergründen, wie aufgelassenen Fabrikhallen oder den Blick ins Freie versperrenden Jalousien, setzt sie die Rastlosigkeit, Verletzlichkeit und Unbehaustheit ihrer Protagonisten in Szene.

Tomáš Šoltys | Man on the River
*1985 in Prešov, Slowakei, lebt in Wien, Österreich
Tomáš Šoltys’ panoramatische Videobilder in Man on the River (2011) zeigen den Künstler in einer performativen Aktion aufrecht stehend langsam auf der Donau und der Morava treibend. Die Aktion fand am 29. und 30. April 2011 statt. Der Balanceakt und die Gefahr, im Strom unterzugehen, treten hinter eine kontemplative Sichtweise auf die Flusslandschaft und die langsam vorbeiziehende Stadt- und Industriearchitektur zurück. Šoltys bleibt ein ebenso gebannter, aber einsamer Beobachter der Szenerie. Er erinnert in seiner passiven Haltung an die Erscheinung des Engels in Aura Rosenbergs Geschichtscollage. Auch hier in Bratislava unter den Donaubrücken stellt sich eine Perspektive auf die Geschichte und den Fortschritt Europas ein. Das Individuum bleibt dabei seltsam unbeteiligt in diesem Gleichnis von Pathos und Entfremdung.

Nasan Tur | Bautzner Straße 112A
*1974 in Offenbach, lebt in Berlin
Nasan Tur hat in seiner Arbeit Bautzner Straße 112A (2009) Zellentüren der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit/Amtes für Nationale Sicherheit in Dresden fotografiert. Es sind Relikte der Unterdrückung und des Ausspionierens des Alltags. Er präsentiert die Fotografien in einem eigens dafür gebauten, fensterlosen schmalen Raum, der exakt den Maßen einer Zelle im damaligen Gefängnis entspricht. Innen ist die Enge der Isolationshaft nachvollziehbar. Die abgebildeten Gefängniszellen evozieren Empfindungen von Klaustrophobie und Repression, verstärkt durch das haptische Erfahren des maßstabsgetreu nachgebildeten Raumes. Er vermittelt spürbar sowohl Machtlosigkeit als auch Herrschaft und Willkür, wie sie in der DDR erlebt wurde und heute noch in Gefängnissen – die Zellentüren sehen überall ähnlich aus – erfahren wird.

Pablo Zuleta Zahr | Puppies in Torture Chambers
*1978 in Viña del Mar, Chile, lebt in Berlin
Die Fotografien von Pablo Zuleta Zahr zeigen chilenische Schulkinder in den unterirdischen Gemäuern eines ehemaligen geheimen Untersuchungsgefängnisses der Pinochet-Junta. Fort Borgoño, das zum Militärstützpunkt in Talcahuano gehört, wurde zwischen 1973–75 und 1984–85 als Folterlager genutzt. Die Kinder erkunden die verlassenen Räume. Sie werden mit einer Geschichte konfrontiert, die sie nicht verstehen, aber zu erahnen scheinen. Neugier, Schauder, Furcht, aber auch Abenteuer, Spiel und Entdeckerlust lassen sich von ihren Gesichtern im Halbdunkel der Ruinen ablesen. Die Bilder vermitteln etwas von der Hast, Nervosität und Aufregung der Jungen und Mädchen, denen sich womöglich etwas vom Schmerz und Leid an diesem Ort erschließt – von den Gräueln, die Menschen erlebten, die mit ihrer politischen Meinung nicht in das reaktionäre Gesellschaftsbild der Diktatoren passten. Der Künstler beobachtet emotionsgeladen eine sehr junge Generation, wie sie sich heute dem politischen Trauma des Militärputsches 1973 und der Zeit der Unterdrückung bis 1990 annähert.

Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen
Erwin Olaf: Porträt 05 - 9th of July 2012 aus der Serie Berlin, Courtesy: Galerie Wagner + Partner, Berlin