Hier können Sie die Auswahl einschränken.
Wählen Sie einfach die verschiedenen Kriterien aus.
Looks like you tried to go somewhere that does not exist
Ornella Fieres: Interferenz IV, 2015, C-Print, 70 x 100 cm, Ed. 5+1

Ornella Fieres »

Looks like you tried to go somewhere that does not exist

Exhibition: 28 Nov 2015 – 9 Jan 2016

Fri 27 Nov 18:00 - 21:00

SEXAUER Gallery

Streustr. 90
13086 Berlin

+49 172-3 16 23 65


www.sexauer.eu

Wed-Sat 13-18

Looks like you tried to go somewhere that does not exist
Ornella Fieres: Interferenz IV, 2015, C-Print, 70 x 100 cm, Ed. 5+1

Ornella Fieres
"Looks like you tried to go somewhere that does not exist"


Ausstellung: 28. November 2015 bis 9. Januar 2016
Eröffnung: Freitag, 27. November, 18-21 Uhr

Ornella Fieres spielt mit unseren Sinnen und unserem Verstand. Die Künstlerin fotografiert analog und digital. Sie fotografiert die Wirklichkeit und sie fotografiert Bilder. Bilder, die sie mit dem Computerprogramm Photoshop gemalt hat, und Bilder, die auf Bildschirmen sichtbar werden. Manche dieser fotografierten Bilder gleichen der Wirklichkeit, andere sind freie Bilderfindungen. Nie wissen wir genau, was wir sehen. Dieses Nicht-Wissen bezieht sich sowohl auf die Bilder selbst wie auf das Abgebildete. Und selbst wenn Ornella Fieres mit ihren Fotografien wirklich Geschehenes abbildet, ist nie ganz klar, ob es sich bei dem, was wir sehen, um ein Dokument oder eine Inszenierung handelt. Ornella Fieres hintergeht unsere Sehgewohnheiten und Erwartungen, sie zeigt aber auch, dass wir – Kinder des Internetzeitalters – bestens mit dieser Unsicherheit umgehen können.

Die Vorstellung von nur einer Realität ist spätestens mit dem Eintritt in das digitale Zeitalter über Bord geworfen worden. Die Frage nach der Wahrheit stellt sich nicht mehr. Indexikalität spielt keine Rolle mehr in einer Welt, in der digitale Bilder die Realität so sehr nachahmen, dass man den Unterschied nicht mehr erkennen kann. Und doch ist der Sehsinn der wichtigste im Zeitalter des Internets, in dem sich Wirklichkeit hinter einer durchleuchteten Fläche immer weiter ausbreitet.

„Looks like you tried to go somewhere that does not exist“, sagt ein Computer nach dem Anklicken eines Links, dessen Zielseite im Internet nicht mehr existiert. Der fast philosophisch-romantische Satz erinnert daran, dass reale Menschen dieses virtuelle Universum programmiert haben, und daran, dass Gehen im Internet eine andere Bedeutung hat als in der realen Welt. In der virtuellen Welt befinden sich Bilder von Meerestiefen, des Amazonas-Dschungels oder Himalaya-Gebirges direkt neben Fotografien vom Weltall – Orte, die man vermutlich nie mit eigenen Augen sehen wird. Durch Linsen von Apparaten entstandene Bilder vermitteln Wirklichkeit, so wie NASA-Aufnahmen die Alltagsrealität im Universum visualisieren sollen.

Looks like you tried to go somewhere that does not exist
Ornella Fieres: Interferenz IV, 2015, C-Print, 170 x 134 cm, Ed. 3+1

Die Arbeiten der Serie 1887 (2015) von Ornella Fieres sind mit Photoshop „gemalte“ Versionen von NASA-Bildern, die stellare Formationen zeigen. Die Künstlerin entwickelt die so entstehenden digitalen Bilddateien als analoge Dias und belichtet diese anschließend mithilfe eines Diaduplikators und Sonnenlicht auf sehr empfindlichem Film. Man sieht also klassische analoge Fotografien, die mittels Daten hergestellte Abbildungen der Wirklichkeit zeigen oder auch freie Bilderfindungen. Man sieht den „Pferdekopfnebel“ und die „Säulen der Schöpfung“, aber auch Sternenhaufen, die es vielleicht gar nicht wirklich gibt. Aber wie gesagt, Indexikalität spielt keine Rolle mehr.

Die Arbeiten der Serie Fading Away (2015) sind Montagen. Die Künstlerin verbindet hier analoge Fotografien von irdischen Gegebenheiten mit selbst erstellten Photoshop-Himmeln. „Fading Away“ (1858) heißt auch die bekannteste, aus fünf Negativen zusammengesetzte Fotografie von Henry Peach Robinson (1830–1901). Sie zeigt das Sterben eines jungen Mädchens. Robinson war einer der ersten, der Fotografie als Bildende Kunst verstand und nicht nur als naturgetreue Abbildung.

Für die menschliche Vorstellung vom Universum sind Fotografien verantwortlich. Mit dem Hubbleteleskop aufgenommene NASA-Bilder sind heutzutage fast unerträglich kitschig. Unwirklichkeit statt Wissenschaftlichkeit strahlen die Farbinterpretationen aus, die das Weltall sichtbar machen sollen. Für ihre Arbeiten der Serien 1887 und Fading Away entfernt Ornella Fieres alle Farben und nähert sich mit ihrer schwarz-weißen, quasi-dokumentarischen Bildsprache den frühen Aufnahmen des Orion von William Henry Pickering (1858–1938) mehr an, als den bunten Bildern der Weltraumbehörde.

Die verklärte Romantik des NASA-Bildmaterials beginnt dabei bereits auf der Erde. Die Arbeit S-68-56050 (2015) präsentiert ein von Ornella Fieres appropriiertes, unverändertes NASA-Bild eines Raketenstarts, das die Künstlerin auf eBay gekauft hat. Wahrscheinlich handelt es sich um ein offizielles Pressebild. Es sieht aus wie manipuliert und inszeniert. Die Vorstellung von Abenteuer und Entdeckertum ist oft an romantische, glorifizierte Visualisierungen gebunden. Diese Ästhetik hat sich in das digitale Zeitalter hinüber gerettet. Und so propagieren auch die NASA-Bilder statt wissenschaftlicher Dokumentation einen idealisierten Blick, dem die Künstlerin nun ihre eigene Version entgegensetzt.

Im Universum ist alles durch Raum, Zeit und Licht miteinander verbunden. Wellen sind allgegenwärtig, bei Licht und Klang, im Meer und im Raum. Beim Aufeinandertreffen unterschiedlicher Wellen entstehen Interferenzen wie in den Bildern der Serie Interferenz IV (2015). Die Vorlagen stammen von gefundenen und appropriierten alten Negativen, welche die Künstlerin einscannt und im Moment des Sichtbarwerdens vom Bildschirm abfotografiert. Im Gegensatz zum menschlichen Auge ist die Digitalkamera nicht fähig, ein störungsfreies Abbild zu reproduzieren. Stattdessen erscheinen farbige Streifenmuster auf der schwarz-weißen Bildfläche, die nichts anderes sind, als sich überlagernde Lichtwellen. Im Gegensatz zur glänzenden Oberfläche von NASA-Bildern sind Kratzer, Fussel und Fingerabdrücke zu sehen, die auf die Geschichte der Bildquelle verweisen, auch wenn ihr genauer Ursprung und ihre Verbindung zur Vergangenheit verloren gegangen ist. In Interferenz IV mischen sich mediale Ebenen und Bildmaterial unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Zeiten, das die Künstlerin auf Flohmärkten oder bei eBay gekauft hat, darunter offizielle NASA-Fotos, Filmstills oder private Schnappschüsse.

Die Fotografien und Bilder von Ornella Fieres sind analoge Fotografien und digitale Bilder. Woher diese Bilder stammen und in welchem Zusammenhang sie entstanden sind, lässt sich nicht mehr genau zurückverfolgen. Ob sie die Wirklichkeit zeigen oder erfunden sind, ist irrelevant. Verschiedene zeitliche und räumliche Ebenen existieren nebeneinander und sind physisch oder visuell miteinander verbunden. Sie alle sind real, genauso wie die Welt des Internets, die sich hinter einer durchleuchteten Scheibe weiter ausdehnt und uns mit anderen Menschen verbindet, mit fernen Erdteilen und sogar mit dem Weltall. Indexikalität spielt keine Rolle mehr. Am Ende aber fast doch noch eine überraschende Volte: Hinter dem postmodernen Spiel mit Wirklichkeiten scheint in den Arbeiten ein fast romantisches Gefühl auf. Denn eines gibt es, das alle Arbeiten von Ornella Fieres verbindet. Die eigentümliche Atmosphäre einer verlorenen Zeit und ein starkes Gefühl für das Vergängliche, das Vergangene und den Tod. Ob sie also doch noch eine Rolle spielt, die Zeit – die gute, alte lineare Zeit?

Text basiert auf Gedanken und Auszügen aus einem Katalogtext von Tina Sauerländer.

Looks like you tried to go somewhere that does not exist
Ornella Fieres: 1887, 2015, C-Print kaschiert auf Alubond, 133 x 200 cm, Ed. 3+1