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Beichtstühle
© Volker Schrank

Volker Schrank »

Beichtstühle

Exhibition: 12 May – 20 Jun 2019

Sat 11 May 17:00

bildkultur

Markelstr. 19
70193 Stuttgart

0711-6573303


www.bildkultur.de

by app.

Beichtstühle
© Volker Schrank

Volker Schrank
"Beichtstühle"

Ausstellung: 12. Mai bis 20. Juni 2019
Eröffnung: Samstag 11. Mai, 17 Uhr

Einführung: Dr. Matthias Bullinger

Der Beichtstuhl verschwindet. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme. Volker Schrank legt in dieser Serie eine eindrucksvolle fotografische Dokumentation dieses Kirchenmöbels vor.

Es scheint heutzutage nicht mehr angemessen, sich als reuiger Sünder, kniend mit gefalteten Händen, dem Beichtvater anzuvertrauen, der im Beichtstuhl nebenan hinter einer Gitterscheibe sitzt und den Bekenntnissen des Pönitenten lauscht. Gebeichtet wird stattdessen, wenn überhaupt, in eigens eingerichteten Zimmern.

Sei es anonym, indem der Priester hinter einem Paravent sitzt, der Beichtende davor und beide sich hören, aber nicht sehen können; sei es in einem Gespräch, bei dem beide an einem Tisch Platz nehmen und einander auf Augenhöhe begegnen können.

Der Beichtstuhl aber wird, falls er nicht von kunsthistorischem Wert ist und gepflegt wird, stillgelegt, abgeschlossen oder mitunter sogar profan als Besenkammer verwendet.

So vertraut der Beichtstuhl als Kirchenmöbel erscheint, so unverzichtbar er in der Kunst als Symbol und Ort für Sünde ist, für Bekenntnis und Vergebung, für dunkle Machenschaften oder erhellende Offenbarungen: es gab ihn nicht immer.

Erst im Jahr 1604 schrieb die Synode von Namur vor, dass in allen Kirchen, deren Vermögen ausreichte, eigene Stühle für die Beichte angeschafft würden. Diese sollten die "Gelegenheiten zur Sünde" unterbinden. Der Priester saß bis dahin während der Beichte im offenen Kirchenraum oder einer Nische auf einem Stuhl, der auch bei anderen Gelegenheiten benutzt werden konnte. Die Beichtenden – Männer wie Frauen - knieten direkt vor dem Beichtvater, der ihnen, während sie ihre Sünden bekannten, mitunter die Hände hielt und ihnen zum Zeichen der Absolution schließlich eine Hand auf das Haupt legte.

Diese Praxis, zu der körperliche Nähe, Blickkontakt und Berührungen gehörten, begünstigte die Möglichkeit zu sündiger Intimität.

Beichtstühle
© Volker Schrank

Volker Schrank löst in seinen Fotografien die Beichtstühle aus dem Kirchenraum, in dem sie aufgestellt sind. Er präsentiert sie freigestellt vor monochromen Hintergründen in kräftigen Tönen, die an die Farben in mittelalterlichen Bleiglasfenstern erinnern.

Es entsteht ein abstrahierendes Kompendium der mannigfaltigen Antworten, die Baumeister und Handwerker über die Jahrhunderte auf eine sakrale Gestaltungsaufgabe gefunden haben.

Doch ein Beichtstuhl – so abstrakt und entrückt er auch immer präsentiert wird – ist kein bloßes Möbel, sondern ein emotionsbeladener Gegenstand.

Die Beichtstühle werden in den Bildern von Volker Schrank zu Objekten, für die der Historiker Krzysztof Pomian den Begriff Semiophor, Zeichenträger, geprägt hat, zu Dingen, die, "lebensweltlich nicht mehr gebraucht werden, dennoch aber eine wichtige Funktion erfüllen, nämlich die der Vermittlung des Unsichtbaren mit dem Sichtbaren". Ein Beichtstuhl ist gleichsam patiniert mit Geschichten und Erlebnissen jenseits seiner bloßen Funktion als Ort des Sündenbekenntnisses und der Absolution in einer Kirche.

Die Beichtstühle, die Volker Schrank fotografiert hat, schweigen beredt. Was Betrachter, die sie freiwillig betreten haben oder betreten mussten, darin gesagt, darin gebeichtet haben, was ihnen darin widerfahren ist, kann ihr Geheimnis bleiben. Aber wer angesichts dieser Bilder darüber reden will, sollte sicher nicht schweigen. (Matthias Bullinger)

Beichtstühle
© Volker Schrank