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Die Tropen. Ansichten von der Mitte der Weltkugel
Julian Rosefeldt, Reqiem
Videoinstallation/Still, 2007
© Julian Rosefeldt. Courtesy Arndt und Partner, Berlin

Die Tropen. Ansichten von der Mitte der Weltkugel

Pilar Albarracin » Alexander Apóstol » Edward Burtynsky » Marcos Chaves » Andreas Gursky » Candida Höfer » Pieter Hugo » Dinh Q. Lê » Mauricio Dias & Walter Riedweg » Marcel Odenbach » Sherman Ong » Caio Reisewitz » Mauro Restiffe » Julian Rosefeldt » Hans-Christian Schink » Thomas Struth » Fiona Tan » Guy Tillim » David Zink Yi » & others

Exhibition: 11 Sep 2008 – 5 Jan 2009

Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstr. 7
10963 Berlin

Gropius Bau

Niederkirchnerstr. 7
10963 Berlin

+49 (0)30-254860


www.gropiusbau.de

Wed-Mon 10-19

Zwanzig Jahre nach der wegweisenden Schau Les Magiciens de la Terre in Paris unternimmt die Ausstellung „Kunst aus den Tropen“ im Martin-Gropius-Bau abermals den Versuch, in spannungsreichen Zeiten die Energieströme und feinen Störungen zwischen den Hemisphären aufzuspüren, zu zeigen, welche kulturellen Kräfte zusammen und welche gegeneinander wirken. Die Ausstellung will einen unbestechlichen, krisenresistenten Bildervorrat anlegen, der eine nichthierarchische Betrachtung der Welt erlaubt.

Generell geht es um eine Reästhetisierung der Rede über die Tropen, die dazu beitragen soll, angesichts der übermächtigen politischen und ökonomischen Diskurse das kulturelle Gewicht der tropischen Naturräume in die Waagschale zu werfen. Eindimensionalen Armutsdebatten (Hunger, Gewalt, politische Krisen) oder groben Banalisierungen werden die künstlerische Komplexität und der ästhetische Überschuss der Tropen gegenübergestellt, letztlich auch mit dem Ziel, den Nord-Süd-Dialog neu zu bestimmen. Der Süden wird somit aus der Falle eines chronischen Defizitdiskurses befreit, während der Norden seine Welterklärungsmodelle, die auf ökonomischen Parametern fußen, relativiert, damit eine echte kosmopolitische und mehrperspektivische Weltsicht im Sinne Humboldts möglich wird. Die Ausstellung ist damit auch eine Etappe auf dem Weg zum Humboldt-Forum, das künftig in der Mitte Berlins die außereuropäischen Kulturen zu einem Zwiegespräch mit den Meisterwerken Europas auf der Museumsinsel einladen will.

Der Begriff der Tropen war von Beginn an ein kulturelles Konstrukt, und zwar nicht nur jenseits der Wendekreise. Zwischen der tropischen Natur und ihrer Wahrnehmung durch die Menschen lagen immer wieder Vorstellungen aus der Literatur und der bildenden Kunst. Deutungen und Lesarten der Tropen gleichen einer imaginären Bibliothek und einem erfundenen Museum, in denen unsere Träume und geheimen Wünsche aufgehoben sind. Bis heute prägen die Künstler unsere Vorstellung der Tropen.

Die Ausstellung setzt an der europäischen Projektion der Tropen an, sie versucht aber zugleich, dieses Konstrukt zu reflektieren. Diese Ambivalenz zeigt sich in den verschiedenen Ansätzen der drei Kuratoren. Alfons Hug zeigt nicht nur Werke von zeitgenössischen Künstlern aus den Tropen, sondern bezieht auch Werke von Künstlern ein, die nicht aus den Tropen stammen, diese aber zum Thema machen. Viola König gruppiert Objekte innerhalb des Themas „Farben und Klänge der Tropen“ und ermöglicht so, Gemeinsamkeiten bestimmter Aspekte der Kunst aus den Tropen nachzugehen. Peter Junge stellt Beispiele der Kunst aus den Tropen zu drei grundsätzlichen Themen menschlicher Gesellschaften vor, deren Gemeinsamkeit zunächst nur darin besteht, dass sie Kulturen zugeordnet sind, die dem geographisch definierten Bereich der Tropen angehören. Aspekte der europäischen Vorstellung von den Tropen spiegeln sich in diesen Werken nicht. Ob sie als Teile eines Korpus tropischer Kunst Gemeinsamkeiten haben, die sie von Kunstwerken außerhalb dieser Region fundamental unterscheiden, ist eine Frage, die die Ausstellung nur aufwerfen, aber nicht endgültig beantworten kann. Für den Diskurs über die Tropen ist diese offene Situation positiv. Sie trägt dazu bei, den in Europa entwickelten Begriff der Tropen zu dekonstruieren, – die Voraussetzung einer neuen, adäquateren Betrachtung dieses Themas.

Rund zweihundert Exponate aus Afrika, Asien, Ozeanien und dem tropischen Amerika aus den Sammlungen des Ethnologischen Museums in Berlin, die weltweit zu den wichtigsten gehören, treten in einen Dialog mit Werken von vierzig zeitgenössischen Künstlern aus Brasilien, Südamerika, Europa, Afrika, Australien und Asien. Alte und neue Kunst finden räumlich zusammen. In der zeitgenössischen Kunst reichen die Sujets von Indonesien bis Kuba, von Westafrika bis Brasilien. Die Ausstellung schlägt zum ersten Mal eine Brücke zwischen Werken, die in vormoderner Zeit entstanden, und zeitgenössischen Positionen. Die Moderne wird dabei bewusst übersprungen, da die Bezüge etwa Picassos zur afrikanischen Kunst oder der deutschen Expressionisten zur melanesischen Skulptur bereits hinreichend beleuchtet worden sind.

Die vormoderne Kunst zeigt uns die Tropen, bevor sie ihre Unschuld verloren und zur so genannten Dritten Welt wurden. Dem Stigma des heutigen Ausschlusses antwortet sie mit Erhabenheit und Sammlung. Bestechend sind ihre unwiderstehliche Formensprache, der plastische Reichtum, der spirituelle Gehalt und die Fähigkeit, den Betrachter in ein Zwiegespräch zu verwickeln. Die Stärke der zeitgenössischen Kunst liegt dagegen im hohen Reflexionsgrad und kritischen Potenzial. Gleichzeitig ist bei den heutigen Künstlern aber auch ein Wiederaufleben individueller Mythologien zu beobachten. Anknüpfungspunkte ergeben sich insofern, als sich nicht wenige zeitgenössische Künstler Elemente alter Kulturen systematisch aneignen und in ihren Werken auch anthropologische oder ethnologische Erkenntnisse verarbeiten.

Neben etwa 200 alten Kunstwerken von zumeist anonym gewordenen Künstlern aus Ghana, Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, Indien, Thailand, Sri Lanka, Myanmar, Indonesien, Papua New Guinea, Hawaii, Samoa, Brasilien, Guatemala, Mexiko, Panama, Peru, Bolivien sind u.a. Werke von folgenden zeitgenössischen Künstlern geplant:

Franz Ackermann (Deutschland), Pilar Albarracín (Spanien) Alexander Apostol (Venezuela), Fernando Bryce (Peru/Berlin), Edward Burtynsky (Kanada), Roberto Cabot (Frankreich/Brasilien), Marcos Chaves (Brasilien), Walmor Corrêa (Brasilien), Daspu (Brasilien), Maurício Dias/Walter Riedweg (Brasilien/Schweiz), Dinh Q. Lê (Vietnam), Mark Dion (USA), Adriano Domingues (Brasilien), Theo Eshetu (Äthiopien), Sandra Gamarra Heshiki (Peru), Andreas Gursky (Deutschland), Candida Höfer (Deutschland), Pieter Hugo (Südafrika), Jitish Kallat (Indien), Mariana Manhães (Brasilien), Milton Marques (Brasilien), Beatriz Milhazes (Brasilien), Marcone Moreira (Brasilien), Marcel Odenbach (Deutschland), Paulo Nenflídio (Brasilien), Denis Nona (Australien), Sherman Ong (Singapur), Vong Phaophanit (Laos), Navin Rawanchaikul (Thailand), REA (Australien), Caio Reisewitz (Brasilien), Mauro Restiffe (Brasilien), Julian Rosefeldt (Deutschland), Hans-Christian Schink (Deutschland), Gerda Steiner/Jörg Lenzlinger (Schweiz), Thomas Struth (Deutschland), Fiona Tan (Indonesien/England), Guy Tillim (Südafrika), David Zink Yi (Peru/Berlin)

Begleitend zur Ausstellung ist ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Film, Theater, Tanz und diskursiven Veranstaltungen geplant.

Die Tropen. Ansichten von der Mitte der Weltkugel
Maurício Dias & Walter Riedweg, Condomblé
C-Print 2007
© Maurício Dias & Walter Riedweg. Courtesy Galeria Filomena Soares. Courtesy Galeria Vermelho, São Paulo
Die Tropen. Ansichten von der Mitte der Weltkugel
Guy Tillim, Wahl in Kinshasa
C-Print, 2006
© Guy Tillim