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Positionen
© Benedikt Steinmetz

Positionen

Benedikt Steinmetz » Mark Vogelgesang »

Exhibition: 29 Jan – 31 Mar 2009

Baden-Badener Kunstforum

Schlackenbergstr. 20
66386 St. Ingbert

06894-915103


Mon-Fri 8-16

Positionen
© Benedikt Steinmetz

Überall kann ein Geheimnis stecken:
Bendikt Steinmetz und Mark Vogelgesang

"Positionen", so der Titel der Ausstellung der beiden Fotografen Benedikt Steinmetz und Mark Vogelgesang. Positionen, das stammt aus dem Lateinischen, positio, und meint einen Standort, eine Meinung, eine Stellung oder Lage. Wer Position bezieht, wer sich positioniert, der sagt: Hier bin ich. Oder, sagen wir es mit den Worten von Daniel Kehlmann, der in der "Vermessung der Welt", auf Seite 42, schreibt: "Ein Hügel, von dem man nicht wisse, wie hoch er sei, beleidige die Vernunft, mache ihn unruhig. Ohne stetig die eigene Position zu bestimmen, könne ein Mensch sich nicht fortbewegen. Ein Rätsel, wie klein auch immer, lasse man nicht am Wegesrand."

Die eigene Position bestimmt man als Fotograf etwa durch eine Ausstellung. Wenn zwei zusammen ausstellen, dann ist das noch keine Gruppenausstellung, dann ist es beinahe noch schwieriger: Da prallen zwei Meinungen aufeinander, zwei subjektive Ansichten, Aussagen, Einstellungen - gebildet aus persönlicher Erfahrung.

Die beiden Fotografen, die hier "Positionen" beziehen, kennen sich schon lange. Erstmals haben sie schon 1979 zusammen ausgestellt - und die Konstanten ihrer Bildsprache sind ähnlich: Beide, Benedikt Steinmetz und Mark Vogelgesang, arbeiten mit klassischen Mitteln der Fotografie: Sie fotografieren Schwarzweiß, spielen mit Reduktionen und Abstraktionen.

Benedikt Steinmetz durchstreift eine Welt, die, darauf weist er hin, nicht von uns, sondern von anderen geschaffen wurde. Dieses urbane Erbe, das er fotografisch einfängt, stammt aus den verschiedensten Zeiten und Epochen, doch stets sind es die gleichen Konstanten, die sich in den Fotografien wiederfinden. Die Winkel, die Linien, die Flächen der Architektur. Wo gebaut wird, ist ein guter Platz, um zu fotografieren: In Dresden beim Bau eines Shopping Centers sehen wir die Baukräne, auch in Frankfurt, wo sich ein Kran in einer glitzernden Hochhausfassade spiegelt. In Paris fotografierte Steinmetz eine Bauzaun-Verkleidung, in Kroatien einen kleinen Hafenort, der brutal von einer Straße überbaut wurde.

Diese gewaltsamen Gegensätze interessieren ihn: die Antagonisten Liebfrauenkirche und DDR-Kulturpalast in Dresden etwa. Oder der überbrückte Einkaufsladen in Rentrisch im Saarland: Es fehlt oft das rechte Maß. Doch auch die Schönheit der Architektur zeigt uns Steinmetz. Da gibt es die klaren Rasterformen von Fenstern und Balkonen zu bestaunen, Formen, denen der Fotograf auch auf einem italienischen Urnen-Friedhof wiederbegegnet. Oder das Saarbrücker Finanzministerium: ein strenger, abstrakter Bau, den Steinmetz auf effektvoll-minimalistische Weise ins Bild setzt - nicht ohne darauf zu verzichten, zu zeigen, wie das Unkraut auf ihm emporsprießt.

Es sind diese Widersprüche, die Fallen, die ein fotografisches Bild stellen kann, die Steinmetz faszinieren. Das verbindende Element in seinem Werk, das sind die überraschenden Brüche in den Bildern: Auf einer Großbaustelle ragen sakral anmutende, große Betonkreuze neben Baukränen in die Höhe, am Straßburger Münster stehen zwei Jungs unter bärtigen Heiligen, ein vorüberhuschender Fahrradfahrer hat keine Augen für das Schiller-Denkmal in Wiesbaden. Die plakatierte Litfaßsäule vor dem Bürohaus, das gerade gepflanzte Bäumchen vor der lebensfeindlichen Betonarchitektur. Die Hunde, die sich auf der riesigen Buddha-Figur fläzen - oder der Mann, der sich durch die Eingangstür in ein winziges Haus hereindrängt: Der Fotograf schätzt die Irritationen, die der Alltag für ihn bereit hält.

Ist es ein Zufall, das sich Benedikt Steinmetz für die Arbeiten von Steinmetzen interessiert? Denkmäler und Kirchenbauten sind ein wichtiges Thema für ihn - und auch die Art, wie der Mensch diese beschaut, ihnen gegenüber tritt. Oft ist es eine einzelne Person, die an einem Denkmal vorbei schreitet. Manchmal zeigt er die Menschen von hinten, wie in Dresden, dann ganz klein, wie vor dem Freiburger Münster. Und es stimmt ja auch: Vor der Größe und Dauerhaftigkeit dieser Bauten, vor den bewegten Himmeln, welche diese umstürmen, ist der Mensch klein. So wie der Mann in Kroatien, der am Ufer des Meeres sitzt, versteckt unter den Bäumen.

Manchmal treten uns die Menschen auf seinen Bildern aber auch offen gegenüber: In Havanna etwa entstand das Bild eines Arbeiters bei der Zigarettenpause - ein klassisches Porträt: Der fotografierte Arbeiter betritt die Szene wie eine Bühne. Im Hintergrund ist alles dunkel. Was zählt ist das Jetzt, die Minuten der Ruhe. Überhaupt entstanden auf Kuba viele Porträts, die von der Gelassenheit erzählen, mit der sich die Protagonisten fotografieren ließen: der Gemüsehändler hinter seiner altertümlichen Wage, der alte Zigarrenraucher, die keck blickende, geschmückte Dame, die jungen Leute beim Spiel - allesamt sehr wenig kapriziöse, direkte Portraits.

Stets ist es die ihn umgebende Umwelt, die Anlass für fotografische Recherchen gibt. Auch sind es die, wie er es nennt, "Übergänge", die den 1961 in Saarbrücken geborenen Fotografen interessieren: Wie sich das Saarland entwickelt - wie der saarländische Bergbau - prägender Faktor seit vielen Menschenleben - Neuem, neuen Industrien weicht. Wie sich Traditionen auflösen. Eine Übergangsposition. In Burbach etwa findet der Fotograf einen alten, stillgelegten Förderturm und davor - krasser Kontrast - das moderne Firmengebäude eines Technologieunternehmens. Schatten, Linien, der Himmel dahinter - die Architekturfotografien von Steinmetz übersetzen die Monumentalität und Strenge vieler Bauten auf überzeugende Weise ins Fotografische.

Mal ähnlich, dann ganz anders: Mark Vogelgesang. Der Frankfurter hat sich ein Rilke-Zitat zum fotografischen Motto gemacht: "Alle Dinge sind dazu da, damit sie uns Bilder werden in irgendeinem Sinn." Was heißt das? Zum einen: Alles ist bildwürdig - überall kann ein Geheimnis stecken. Und es heißt auch: Bilder macht man nicht, Bilder kommen zu uns.

Auch Vogelgesang sortiert seine fotografischen Arbeiten zu Gruppen. Da gibt es etwa die "Religiösen Symbole", die "Signs of Religion". Symbole, die man in jeder Stadt findet. Symbole, die mächtig sind, die Schönheit, Ernst und Würde ausstrahlen. Vogelgesang möchte nicht in einer Welt ohne diese Symbole, ohne die Orte religiösen Lebens sein: Er fotografiert Kirchen, Moscheen, Tempel und Klöster vielleicht auch, um sie - für sich - zu erhalten. Auch zeigt er Menschen, in vielen Ländern: Oft sind es still Betende in den verschiedenen Andachtsräumen, aber auch Café-Trinker vor der Silhouette einer Moschee, Spaziergänger vor einem Minarett oder auch ein einsam Wandelnder auf dem Kölner Domvorplatz.

Und auch Mark Vogelgesang fotografiert seine Heimat: Frankfurt am Main. Seit 2006 arbeitet er an einer Serie, die Momente und Ansichten Frankfurts zeigt. Er fotografiert in einem klar abgegrenzten Teil der Innenstadt: beide Seiten des Mainufers, von der Friedensbrücke bis zur Untermainbrücke. 1000 Meter in der Länge, etwa. "Die Begrenzung auf einen kleinen Teil von Frankfurt war für mich von Anfang an Teil des Projekts", sagt Vogelgesang - und fragt: "Fotografie ist doch Reduktion, Subtraktion, warum also nicht auch in diesem, die Geographie betreffenden Punkt?"

Es ist ein guter Ort, denn die Reduktion schafft Klarheit. Vogelgesang macht dort seine Bilder, wo der Main einlädt, an seinem Ufer spazieren zu gehen. Mitten in der Stadt fließt er, die City und Sachsenhausen trennend. Eine wundervolle Abendstimmung kann man da finden: Menschen stehen am Ufer wie Scherenschnitte, dahinter ein rauchender Schlot. Hochhäuser spiegeln sich in den Fassaden anderer, ein Ruderer durchpflügt den Fluss, Vogelgesang hat ihn - eine spannende Perspektive! - von schräg oben fotografiert. Überhaupt, die Ruderer, die einsamen Flaneure am Main: Sie fotografiert er immer wieder.

Vogelgesang ist - im Gegensatz zu Steinmetz - ein Fotograf, der das Poetische zwar nicht sucht, aber dennoch stärker in seinen Bildern zulässt. Wenn sich Steinmetz oft ganz auf die Kraft der abstrahierenden Linie verlässt, so mag es Vogelgesang mehr, auch eine Geschichte anzudeuten: Wer sind diese Menschen, die da am Main-Ufer stehen? Wer sind die dunklen Schattenfiguren hinter dem Gitter? Sie entziehen sich, doch das macht sie nur umso geheimnisvoller. Das Schatten-Kind auf der Schaukel? Oder der Mönch in Tibet, ganz Silhouette, der sich vom Fotografen entfernt, um seinen Weg zu gehen ... Hier, in Tibet, entstanden besonders dunkle Bilder. Manche großflächig schwarz, mit harten Schlagschatten. Unheimliche Szenerien.

Faszinierend auch die Arbeiten Vogelgesangs, die in den Bergen entstanden sind. Lift-Anlagen fotografiert er, über den Wolken, spektakuläre Bilder, auf denen der Mensch ganz klein wird. Links unten, ganz in der Ecke, sind zwei Personen zu sehen, wie Ameisen. Und die Skifahrer im Lift, um sie nichts als Weiß. Bilder von starker Symbolkraft auch: Der Mensch hat sich Technik ersonnen, doch begibt er sich auch in Abhängigkeit.

Man könnte über fotografische Techniken sprechen, über die analoge Fotografie, über die digitale, über Objektive und Filmmaterial. Doch warum? Es geht um das Bild, um die Perspektive, die Schärfen und Unschärfen, um die Strenge der Komposition. Doch noch einige Worte zum Schwarzweiß in der Fotografie, das bei beiden Fotografen zur Anwendung kommt. Schwarzweiß bedeutet: Es werden ausschließlich die Helligkeiten der Objekte im Bild wiedergegeben - der Technik ist also per se ein starker Abstraktionsgehalt eingeschrieben. Abstraktion, Reduzierung bedeutet bei beiden Fotografen: Intensivierung. "Schwarzweiß sehen" heißt hier das genaue Gegenteil davon, was der Volksmund sagt. Steinmetz und Vogelgesang sehen zwischen Schwarz und Weiß unendlich viele Schattierungen.

Marc Peschke

Benedikt Steinmetz: geboren 1961 in Saarbrücken, lebt und arbeitet in Saarbrücken.
Mark Vogelgesang: geboren 1963 in Saarbrücken, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Die Ausstellung "Positionen" eröffnet am 29. Januar 2009 um 19:00 Uhr im Baden-Badener Kunstforum in St. Ingbert, Schlackenbergstraße 20.

Die Künstler wurden von der Firma Innova Art Europe unterstützt. Die Ausstellung wurde von artconexxion GmbH geplant und organisiert.

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© Mark Vogelgesang
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