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SO WEIT
Hans-Christian Schink: A 71, bei Traßdorf

Hans-Christian Schink »

SO WEIT

Exhibition: 8 Nov 2020 – 13 Jun 2021

Fri 11 Jun

Kunsthalle Erfurt

Fischmarkt 7
99084 Erfurt

0361-6555660


kunstmuseen.erfurt.de/kunsthalle

Tue-Sun 11-18, Thu 11-22

SO WEIT
Hans-Christian Schink: Aqua Claudia, Parco degli Acquedotti (1)

Hans-Christian Schink
"SO WEIT"
Fotografien seit 1990


Ausstellung: 8. November 2020 bis 13. Juni 2021

Eine Ausstellung des Erfurter Kunstvereins in Kooperation mit der Kunsthalle Erfurt

Hans-Christian Schink fotografiert Landschaften im Schnittpunkt menschlicher Interessen, Perspektiven und ihrer natürlichen Voraussetzungen. Es ist dieses menschliche Interesse, welches das Sujet "Landschaft" erst konstituiert, indem es sie als Gestalt aus dem umgebenden Land heraushebt, gleichsam figürlich vom Grund abgrenzt. Das betrifft die Interessen des Bauern am Ertrag eines Bodens ebenso wie den Wegebauer, heute Verkehrsplaner, der Schneisen in das Unwegsame eines Landes bricht, und nicht zuletzt den städtischen Spaziergänger oder Wanderer, der seiner existenziellen Distanz von den Naturgewalten in Form einer "interesselosen Anschauung" (Kant) des Naturschönen eine ästhetische Kontur verleiht.

Die Bilder des 1961 in Erfurt geboren und heute nördlich von Berlin lebenden Fotografen Hans-Christian Schink zeigen das Land als angeeignetes, zumeist direkt im Prozess der Aneignung und Überformung befindliches. Überdeutlich, geradezu detailbesessen offenbaren sie die Spuren ihrer Nutzung, ob architektonisch, industriell oder verkehrstechnisch. Sie dienen der Versammlung uniformer Einfamilienhäuser oder zweckmäßiger Industriebauten; werkzeugartig treiben sich frische Asphaltbahnen und wuchtige Betonbrücken in ihre Fluchten oder ihre Oberflächenprofile erscheinen selbst als Resultat der Modellierung und Formung nach Maßgabe von Fahrbahnsteigungswinkeln, Lärmschutzverordnungen und Entwässerungsauflagen. Bebaute Landschaften könnte man sie nennen, doch nicht selten wäre es treffender, von erbauten Landschaften zu sprechen. Auf sie hat Schink seine künstlerische Arbeit fokussiert. Nirgendwo ist der Mensch als Verursacher dieser Landschaften direkt anwesend – und doch ist er omnipräsent: Denn die Landschaft trägt seine Handschrift.

Hans-Christian Schink ist seit Beginn der 90er Jahre in verschiedenen fotografischen Serien den Erscheinungsbildern dieses Ordnungswillens auf der Spur. In ihnen offenbart sich einerseits die Faszination, welche bestimmte Landschaften als gleichsam "fertige" Kompositionsvorlagen auf den bildenden Künstler ausüben, andererseits lassen sie – trotz ihrer ästhetischen Eleganz – im spannungsgeladenen proportionalen Ungleichgewicht zwischen Architektur und Natur auch eine kritische Dimension erkennen.

Natur ist heute, entgegen den Verlautbarungen der Tourismusindustrie, nicht mehr pur zu haben. Hierzulande und beinahe überall auf der Welt hat der Mensch ihr seine Zwecke eingeschrieben. Deshalb leben die Landschaften Schinks vom fotografisch akzentuierten Wechselspiel unterschiedlicher Ordnungssysteme: zum einen dem der "ersten Natur", mit den ihr eigenen Mustern von Wachstum und Vergehen, Überlagerung, Sedimentierung und Auswaschung, Zerstörung, andererseits der Ordnung des von sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen bestimmten Gestaltungswillens des Menschen, einer Ordnung, die ihm zur "zweiten Natur“ geworden ist. Dieses Wechselspiel kann eine ambivalente Balance und gegenseitige Steigerung ins Erhabene ausbilden, wie in der Serie "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“, es kann sich als gegenseitiges Abringen von Ressourcen darstellen, wie in der Serie "LA“, oder es zeigt sich – ganz im Horizont romantischer Weltbetrachtung – als Einbettung und Rückverwandlung zivilisatorischer Artefakte in eine überwältigende Naturkulisse, wie in den Serien, die in den letzten zwei Jahrzehnten als Resultat von Reisen rund um den Globus entstanden.

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Hans-Christian Schink: LA Night 11

Zu Beginn des Schaffens von Hans-Christian Schink standen ausgeprägte ethnografische Interessen im Vordergrund, die er in ein Aufweisen der Spur des Menschen im Antlitz der Landschaft, in ein Wechselspiel von Natur und Kultur münden ließ. Schink aktualisierte dabei Methoden und Stilistiken des New Topographic Movement. In der bisher möglichen Rückschau auf sein Œuvre wird aber auch deutlich, wie stark sich Schink in einem breiten Strom aktueller internationaler Kunst verankert, welche die romantische Sicht der Welt – als eines Erhabenen Gegenpols zum Individuum, als das bildgewordene Unverfügbare, nur der Beobachtung und dem Staunen Zugängliche (erstmals formuliert an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert und adaptiert von den künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts) – erneut aufgreift, modifiziert und als einen zentralen Aspekt der Moderne fruchtbar macht. Schließlich hat Hans-Christian Schink, der bis vor einigen Jahren ausschließlich analog fotografierte, in seinem Schaffen auch das Medium Fotografie selbst thematisiert – so in den "L.A.-Night"-Fotografien, am stärksten jedoch in der konzeptuellen Serie "1 h", die ihre fotografische Unverwechselbarkeit auf den Effekten der natürlichen Solarisation aufbaut.

Im Jahr 2020 begehen wir das 30-jährige Jubiläum zur Wiedervereinigung Deutschlands. Für Künstlerfotografen wie Hans-Christian Schink eröffneten sich dadurch Möglichkeiten einer internationalen Karriere, die er konsequent nutzte. Heute gilt er als der bedeutendste zeitgenössische Fotokünstler, der aus Thüringen stammt. Rund dreißig Jahre nach seinem Start mit der Kamera soll die Ausstellung in einer vom Künstler selbst vorgenommenen Auswahl die Vielfalt und Qualität seiner fotokünstlerischen Projekte bis heute zeigen. Die Ausstellung wurde also mit Hans-Christian Schink als Künstler-Kurator geplant und realisiert. Begleitend werden Verlagspublikationen zu seinem Werk angeboten, er wird für Künstlergespräche und Führungen zur Verfügung stehen.

Text: Kai Uwe Schierz

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Hans-Christian Schink: Mya Thar Lyaung, Bago