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Neue Wahrheiten? Kleine Wunder!
Bruno Braquehais: Odaliske, Paris, ca. 1855, kolorierte Daguerreotypie

Neue Wahrheiten? Kleine Wunder!

Die frühen Jahre der Fotografie

Anonymous » Platt D. Babbitt » Édouard Baldus » Bruno Braquehais » Adolphe Braun » Étienne Carjat » Louis Jacques Mandé Daguerre » Nadar (Gaspard-Félix Tournachon) » Jakob Schnetz » Otto Schoefft » & others

Exhibition: – 30 Oct 2022

Kunstsammlung im Stadtmuseum Jena

Markt 7
07743 Jena

03641-498260


www.kunstsammlung-jena.de

Di, Mi, Fr 10-17, Do 14-22, Sa/So 11-18

Neue Wahrheiten? Kleine Wunder!
Englische Schmuckschatulle: Mitte 19. Jahrhundert

"Neue Wahrheiten? Kleine Wunder!"
Die frühen Jahre der Fotografie
Sammlung H.G.


Ausstellung: 16. Juli bis 31. Oktober 2022
Eröffnung: 15. Juli, 19 Uhr

"Welch eine wunderbare göttliche Erfindung, die Daguerre gemacht hat! Ich sage Ihnen, man könnte den Verstand verlieren, wenn man so ein von der Natur gewissermaßen selbst geschaffenes Bild sieht."
Der Berliner Kunsthändler Louis Sachs am 26. September 1839 in Paris

Es war jener magische Moment einer internationalen Erfolgsgeschichte, als der bekannte Maler Louis Mandé Daguerres am 19. August 1839 in Paris offiziell seine Erfindung vorführen ließ. Zum ersten Mal wurden der staunenden Öffentlichkeit fotografische Bilder präsentiert. Das Geheimnis ihrer Entstehung, über das bereits seit einigen Monaten in ganz Europa rege Gerüchte kursierten, wurde nun endlich gelüftet. Nach ihrem Erfinder "Daguerreotypien" benannt, gaben die kleinformatigen Aufnahmen auf versilberten Kupferplatten die Natur in einer beispiellosen Detailtreue wieder. Die ersten Fotografien offenbarten eine neue Wahrheit und erschienen dem verblüfften Publikum als kleine Wunder. Plötzlich war es jedem möglich, mit der notwendigen Ausstattung selbst derartige Bilder anzufertigen. Detaillierte Beschreibungen des Verfahrens wurden parallel in viele Sprachen übersetzt und verbreiteten sich, tausendfach gedruckt, über Frankreichs Nachbarländer hinaus schnell in die ganze Welt. Der Siegeszug der Fotografie hatte begonnen – und mit ihm ein radikaler Wandel der gesamten Bildkultur.

Die Ausstellung in der Kunstsammlung Jena erzählt mit über 250 Exponaten aus einer bemerkenswerten Privatsammlung von der Frühzeit des neuen Mediums. Dabei rücken nicht nur zahlreiche Daguerreotypien ins Zentrum, die durch ihre silbrig glänzenden Oberflächen heute wie magische und geheimnisvolle Erscheinungen aus der Vergangenheit anmuten. Mit seltenen Objekten und historischen Dokumenten werden gleichermaßen die kultur- und kunsthistorischen Zusammenhänge der Erfindungsgeschichte thematisiert, in der sich technische und ästhetische Qualitäten auf einzigartige Weise verweben. Das schließt Geräte und Bilder aus der Vorgeschichte mit ein. Zum Beispiel die Camera Obscura, die schon im 17. Jahrhundert oftmals Verwendung fand, wenn Maler eine Ansicht perspektivisch möglichst realitätsnah erfassen wollten. Die Sehnsucht nach neuen Bildern in einer Zeit des sich emanzipierenden Bürgertums dokumentieren optische Spielereien und Illusionen: Guckkastenbilder, Augsburger Perspektiven, Kaleidoskop und Zograskop, oder die, ab der Mitte des 18. Jahrhunderts aufkommende Mode der Silhouetten und Physionotrace-Porträts.

Neue Wahrheiten? Kleine Wunder!
Etienne Carjat: Charles Baudelaire, ca.1862, Woodburytypie

Das Einfrieren des Vergänglichen für die Ewigkeit in einem "wahrheitsgetreuen" fotografischen Bild – Daguerre schaffte dies nicht als einziger, doch brachte er sein Verfahren zu einer kommerziellen Nutzbarkeit. Kaum war es der Welt zugänglich, etablierten sich in den 1840er Jahren erste Studios in den Städten Europas und Amerikas, während Wander-Daguerreotypisten übers Land zogen. Dabei beschränkten in der ersten Phase der Foto-Geschichte die technischen Bedingungen die Möglichkeiten, die besonders ersehnten Porträts zu machen. Die anfänglich minutenlangen Belichtungszeiten erforderten eine ebenso lange Regungslosigkeit und waren damit kaum praktikabel. Doch die Verbesserung der Objektive und der notwendigen Chemie erfolgten in ungeahntem Tempo und das individuelle Porträt wurde nun allerorten zum "objet désiré". Prächtige Rahmungen und Etuis aus Samt oder Leder zeugen von der Wertschätzung, die diese frühen Lichtbilder erfuhren. Gleichzeitig dokumentieren zeitgenössische Karikaturen, wie die Fotografie in der Gesellschaft wahrgenommen wurde und diese folgenreich zu prägen begann.

Selbstbewusst traten Fotografen nicht nur in Konkurrenz zu den Porträtmalern, sie erschlossen sich zunehmend auch neue Themenfelder. Stimuliert vom beginnenden Massentourismus nahm beispielsweise die Reisefotografie einen hohen Stellenwert ein. Ansichten antiker Monumente in Italien, Griechenland oder Ägypten konnten von nun an mit nach Hause gebracht, aufmerksam studiert und weiterverbreitet werden. Analog erhielt das traditionsreiche Genre der Aktdarstellung neue Impulse. Aufwändig inszenierte und kolorierte Stereo-Daguerreotypien veranschaulichen, wie die Fotografen zwar an die Darstellungskonventionen des nackten, meist weiblichen Körpers anzuknüpfen suchten. Stellten die in Malerei und Architektur erscheinenden Akte stets "Göttinnen" oder "Nymphen" dar, hatte der moralisch strenge Zensor meistens ein Einsehen. Doch nun war unmittelbar ersichtlich, dass es sich bei den Abgebildeten um echte Körper aus Fleisch und Blut handelte. Die Stereofotografie, die die Illusion räumlichen Sehens beschwört, betonte die Bedeutung dieses neuen Realismus eindrucksvoll und ließ die Zensurbehörden aktiv werden.

Die vielgestaltige Geschichte vom Siegeszug der Fotografie begleitet die Ausstellung bis hinein in die 1870er Jahre, wenn zum Beispiel von Armut geprägte Szenen aus den Straßen Londons in den Blick des Fotografen John Thomson geraten oder die berühmten Porträts der kulturellen Elite Frankreichs zu Sammelobjekten in der "Galerie contemporaine" werden.

Die Erfindung der Fotografie hatte eine nachdrückliche Erweiterung der Sichtachse bewirkt, eine Umwälzung der gesamten, sich vorher lange kaum verändernden Bildmedien, die bis in die heutige Zeit des rasanten Bildkonsums fortwirkt. Ab Daguerres Erfindung standen Bilder nicht mehr nur einer privilegierten Schicht zur Verfügung, sondern wurden nach und nach zum Massenprodukt und zum untrennbaren Teil der Alltagskultur.

Die Ausstellung entstand durch die freundliche Kooperation mit dem Museum Georg Schäfer, Schweinfurt und dem Kunstmuseum Ahlen.

Neue Wahrheiten? Kleine Wunder!
Platt D. Babbitt: Niagara Fälle, ca. 1853, Daguerreotypie, ganze Platte