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Stadt Land Hund
Sibylle Bergemann, Birgit, Berlin 1984
© Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ. Courtesy Loock Galerie, Berlin

Sibylle Bergemann »

Stadt Land Hund

Fotografien 1966–2010

Exhibition: – 10 Oct 2022

Berlinische Galerie

Alte Jakobstr. 124-128
10969 Berlin

+49 (0)30-78902600


www.berlinischegalerie.de

Mon, Wed-Sun 10-18

Stadt Land Hund
Sibylle Bergemann, Das Denkmal, Berlin, Februar 1986
© Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ. Courtesy Loock Galerie, Berlin

Sibylle Bergemann
"Stadt Land Hund"
Fotografien 1966 – 2010

Ausstellung: 24. Juni bis 10. Oktober 2022
Eröffnung: Donnerstag, 23. Juni, 19 Uhr

Vorstellung des Podcast Features
Donnerstag, 7. Juli, 19 Uhr, Ausstellung ab 18 Uhr geöffnet
Linus Lütcke, Onlinekommunikation Berlinische Galerie, spricht mit der Autorin und Moderatorin
des Podcasts Anne Waak über die Entstehung des Audioporträts über die Fotografin.
Veranstaltung des Fördervereins (Eintritt: 10/6€, Mitglieder: Eintritt frei)

Sibylle Bergemann (1941–2010) gehört zu den bekanntesten deutschen Fotograf*innen. Über mehr als vier Jahrzehnte schuf die Berlinerin ein außergewöhnliches Werk aus Stadt-, Mode- und Porträtaufnahmen sowie essayistischen Reportagen. Wiederkehrende Motive sind die Stadt, Frauen und immer wieder auch Hunde. Fernweh ist dabei wichtiger Antrieb für die fotografische Praxis weltweit: Dakar, Moskau, New York und Paris gehörten zu ihren Zielen.

Mit einer Auswahl von über 200 Fotografien, davon 30 bisher unveröffentlicht, richtet die Ausstellung einen retrospektiven und persönlichen Blick auf das Werk von Sibylle Bergemann. Sechs Kapitel – "Unsichtbare Beobachterin", "Berlin", "Frauen", "Leningrad, Moskau, Paris, New York", "Die Welt in Farbe" und "Zurück in Berlin" – führen thematisch und weitestgehend chronologisch durch das zwischen 1966 und 2010 entstandene OEuvre. Ein weiteres Kapitel, "Lebensorte", präsentiert neben ihren Fotografien auch Bilder von Arno Fischer, Ute Mahler, Roger Melis und Michael Weidt, die Einblick in Bergemanns private und soziale Räume geben. Hier zeigt sich die Verbundenheit zu befreundeten Fotograf*innen in Ost-Berlin und zu internationalen Kolleg*innen.

Schon mit fünfzehn Jahren möchte Sibylle Bergemann Fotografin werden. Zunächst beginnt sie 1958 jedoch eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet in verschiedenen Betrieben als Sekretärin. Ab 1965 ist sie für die illustrierte Monatszeitschrift Das Magazin in Berlin tätig. Hier lernt sie den Fotografen und ihren späteren Lebenspartner Arno Fischer (1927–2011) kennen, der damals an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Weißensee unterrichtete. Sie wird Teil eines inspirierenden Freund*innenkreises aus Künstler*innen, Mode- und Architekturstudent*innen. Durch ihre berufliche Routine und den intensiven Austausch mit befreundeten Fotograf*innen wie Brigitte Voigt, Arno Fischer und Roger Melis stärkt sich in den 1970er Jahren ihre Position im Bereich der freien Fotografie.

Berlin ist und bleibt über Jahrzehnte hinweg ihr Thema: Sie überführt scheinbar Gegensätzliches subtil in poetische Schönheit. In der DDR setzt sie das abgerissene historische Amtsgericht in den Kontrast zur modernen Glasfassade des "Haus des Lehrers". Im wiedervereinten Deutschland hält sie den Rückbau des Palasts der Republik, einst kulturpolitisches Symbol der DDR, vor dem neobarocken Berliner Dom fest.

Die Menschen in der Stadt fotografiert sie aus einer subjektiven Beobachtung heraus, in ihren sozialen Milieus oder städtischen Lebenswelten. Generell versucht Bergemann, mit einer eigenen Bildsprache ihre künstlerische Autonomie jenseits des parteilich verordneten Bildkanons zu behaupten, ohne dabei Veröffentlichungsverbote zu riskieren. Sie ist auf den großen Ausstellungen wie der Porträtfotoschau der DDR (1971, 1981, 1986) und der IX. und X. Kunstausstellung der DDR (1982/83, 1987/88) vertreten. In den 1970er Jahren publiziert sie Texte und Bilder in der Zeitschrift Fotografie, die der Zentralkommission für Fotografie (ZKF) unterstellt ist. Viele ihrer Fotografien sind in liberaleren Zeitschriften wie Das Magazin, Sonntag und Sibylle veröffentlicht.

Bergemann ist unter anderem von der französischen Fotografie inspiriert, etwa von Eugène Atget und Édouard Boubat. So unternimmt sie in der DDR wiederholt Anstrengungen, nach Frankreich zu reisen. Ihr eigenes, dem Menschen zugewandtes Selbstverständnis findet sie auch in der von Edward Steichen kuratierten Wanderausstellung (1955, New York und Berlin) und dem Katalog The Family of Man wieder. Sie sieht sich darin bestätigt, dass sich die Fotografie als Berufsfeld kultur- und gesellschaftspolitisch etablieren lässt, ohne den Anspruch auf individuelle Urheberschaft aufzugeben.

Stadt Land Hund
Sibylle Bergemann, Dakar, Senegal 2001
© Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ. Courtesy Loock Galerie, Berlin

Für ihre berühmteste Serie Das Denkmal (1975–1986) findet sie eigene, ungewöhnliche Bildlösungen. Über elf Jahre hinweg, erst aus Freundschaft und später im Auftrag des Ministeriums für Kultur der DDR, besucht sie den Bildhauer Ludwig Engelhardt (1924–2001) in seinem Atelier auf Usedom. Sie wird Zeugin der von Ideologien und Debatten durchzogenen Entstehung des Denkmals für das Berliner Marx-Engels-Forum. Final wählt Bergemann jene Fotos aus, die Einzel- und Sinnbilder zugleich sind: fragmentierte Körper, geometrische Formen und vielfältige Materialien. Nach der Maueröffnung wird die schwebende, am Kran hängende Friedrich-Engels-Figur medial häufig als Sinnbild für das Ende der DDR verwendet.

Darüber hinaus prägen Bilder von Frauen das OEuvre der Fotografin. Oft sind es Schauspielerinnen, Künstlerinnen, Autorinnen und Mannequins, die Bergemann aus ihrem Selbstverständnis als Frau fotografiert. Ausdruck und Pose der Dargestellten sind mal humorvoll und aufsässig, mal lässig und stolz. Sie möchte "die Wirklichkeit in die Bilder bringen", hält sie 1994 fest. Das flüchtig Gegenwärtige zeigt sich auch in ihren Modefotografien. Es ist nicht die geplante, in der DDR wenig geläufige Studio-Fotografie, die Bergemann reizt. Sie will Mode situativ in natürlichen Lebensräumen aufnehmen.

Auch im wiedervereinten Deutschland sichert Bergemann ihre fotografische Autonomie: Im Oktober 1990 gründet sie zusammen mit Harald Hauswald, Ute Mahler, Werner Mahler, Jens Rötzsch, Thomas Sandberg und Harf Zimmermann OSTKREUZ - Agentur der Fotografen. Sie setzen sich zum Ziel, durch gegenseitige Unterstützung im westlichen Betrieb selbstständig zu bleiben und die eigenen Bildrechte zu sichern. Ab den 1990er Jahren erhält Bergemann auch Aufträge von Zeitschriften wie Zeit-Magazin, Stern oder The New York Times Magazine und ab 1997 für Geo. Als sie 1999 für ihre erste GEO-Bildreportage in den Jemen reist, hat das nachhaltigen Einfluss auf ihr Werk.

Zur Ausstellung erscheint der gleichnamige Katalog Sibylle Bergemann. Stadt Land Hund. Fotografien 1966 – 2010 Hrsg. Berlinische Galerie: Thomas Köhler und Katia Reich. Mit Texten von Susanne Altmann, Bertram Kaschek, Anne Pfautsch, Katia Reich, Jan Wenzel, Frieda von Wild und Lily von Wild. Gestaltet von Büro Otto Sauhaus. Hatje Cantz Verlag, deutsch/englisch, 264 Seiten, 250 Abbildungen.

Anlässlich der Ausstellung entstand ein vierteiliges Audio-Feature über die Fotografin Sibylle Bergemann. Es ist in der Ausstellung sowie als Podcast auf der Website der Berlinischen Galerie sowie bei Spotify verfügbar.

Kurator*innenführungen
Montag, 27. Juni, 11. und 25. Juli, 8. August, 12. und 26. September, 10. Oktober, jeweils 14 Uhr
mit Katia Reich, Kuratorin der Ausstellung, oder Lena Schott, wiss. Volontärin

Podcast Feature zur Ausstellung
Donnerstag 7. Juli, 19 Uhr
Linus Lütcke, Onlinekommunikation Berlinische Galerie, spricht mit der Autorin Anne Waak.
Veranstaltung des Fördervereins, Mitglieder: Eintritt frei

Dialogische Führungen

"Angezogen. Fotografierte Mode"
Lange Nacht der Museen
Samstag, 27. August, 19 Uhr
Mit Frieda und Lily von Wild (Estate Sibylle Bergemann)

"Unterwegs in der Welt"
Samstag, 24. September, 15 Uhr
Mit Geo-Autorin Johanna Wieland und Frieda von Wild (Estate Sibylle Bergemann)

"Das Archiv als helle Kammer: Die Arbeit des Estate Sibylle Bergemann"
Donnerstag, 22. September, 19 Uhr
Maren Lübbke-Tidow und Rebecca Wilton für Lighting the Archive im Gespräch mit Frieda und Lily von Wild

Lesung
"Stierblutjahre. Die Bohème des Ostens"
Donnerstag, 29. September, 19 Uhr
Mit der Autorin Jutta Voigt

Lecture-Performance
zur Serie "Das Denkmal" (1975 –1986)
Donnerstag, 6. Oktober, 19 Uhr
Mit Buchgestalter/Autor Grischa Meyer und Jan Wenzel, Spector Books

Stadt Land Hund
Sibylle Bergemann, Nina und Eva Maria Hagen, Berlin 1976
© Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ. Courtesy Loock Galerie, Berlin
Stadt Land Hund
Sibylle Bergemann, Caravan-Ausstellung, Berlin 1980
© Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ. Courtesy Loock Galerie, Berlin