
Corina Gertz »
Das abgewandte Porträt
Die stille Sprache der Stoffe
Exhibition: 29 Jan – 31 Mar 2026

Ira Stehmann Fine Art
Prinzregentenstr. 78
81675 München
+49-(0)171 264 12 93

Corina Gertz "Das abgewandte Porträt – Die stille Sprache der Stoffe" Ausstellung: 29. Januar bis 31. März 2026
In ihrem Langzeitprojekt "Das abgewandte Porträt" entwickelt Corina Gertz eine bewusst neu gedachte
Form des Porträts, die sich von klassischen Vorstellungen löst. Ihre Fotografien zeigen Frauen in
traditioneller Kleidung, meist von hinten oder seitlich abgewandt, sodass die Gesichtszüge verborgen
bleiben. Nicht das Individuum, sondern kulturelle Identität, Körperhaltung und die Sprache der
Kleidung rücken in den Mittelpunkt. Gertz versteht das Porträt nicht als psychologisches Abbild,
sondern als einen Raum, in dem gelebte Geschichte, Zugehörigkeit und kulturelle Praktiken sichtbar
werden. Durch diese bewusste Inszenierung wird die Kleidung selbst zum Träger von Geschichte,
Identität und gesellschaftlicher Bedeutung; Hautfarbe, Gesicht und Körperproportionen treten zurück,
sichtbar wird ein kulturelles Gedächtnis, das sich in Stoffen, Mustern und Handwerk niederschlägt.
Viele der gezeigten Kleidungsstücke sind Erbstücke, reich an Geschichte, Tradition und familiären
Bedeutungen. Sie verkörpern über Generationen weitergegebenes Wissen und spiegeln soziale,
ästhetische und gesellschaftspolitische Erzählungen wider.
Indem Gertz das Gesicht verbirgt, befreit
sie ihre Modelle von der Erwartung, Persönlichkeit über Mimik darzustellen. Stattdessen lässt sie die
Betrachtenden in die Tiefe der Texturen, Stickereien und Formen eintauchen. So entsteht ein sensibles
Porträt kollektiver Identität — zwischen persönlicher Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Kontext.
Die künstlerische Haltung von Corina Gertz basiert auf Respekt, Entschleunigung und Begegnung.
Sie arbeitet nicht als distanzierte Beobachterin, sondern in enger Beziehung zu den Menschen und
ihren kulturellen Kontexten. Durch die serielle Anlage der Arbeit entsteht ein visuelles Archiv, das
weit über eine dokumentarische Sammlung hinausgeht: Die Bildsprache verstärkt die Wirkung der
Gewänder als Ausdruck kultureller Vielfalt und verweist zugleich auf ihre emotionale wie politische
Dimension.
Die Ausstellung zeigt eine kuratierte Auswahl aus diesem umfassenden Projekt. Einen Schwerpunkt
bilden Arbeiten aus Deutschland und China, die unterschiedlichen Formen textiler Tradition und
kultureller Codierung sichtbar machen. In Deutschland begegnet Gertz Trachten, die häufig mit
lokalem Stolz, aber auch mit nostalgischen Projektionen verbunden sind; sie nimmt ihnen das
Folkloristische und zeigt sie als zeitlose Ausdrucksformen einer lebendigen Kultur. In China zeigen
die Gewänder verschiedener ethnischer Gruppen codierte Bedeutungen — über familiäre Bindungen,
Lebensphasen oder spirituelle Zugehörigkeiten. Farben, Muster und handgefertigte Strukturen
erscheinen hier wie autonome Bildzeichen, eingebettet in eine lange Tradition textilen Handwerks.
Ergänzt wird die Auswahl durch einzelne Arbeiten aus Rumänien und Spanien, die den Blick auf
weitere kulturelle Kontexte öffnen. In Rumänien zeigt sich eine besondere Nähe zwischen Kleidung,
Ritual und familiärem Erbe: Viele Blusen wurden über Generationen weitergegeben, jede Naht von
den Händen der Mütter und Großmütter gesetzt — wodurch die Kleidung selbst zur lebendigen
Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird. Die spanische Arbeit verweist auf andere
historische und regionale Textiltraditionen und erweitert den geografischen und kulturellen Horizont
der Ausstellung.
Corina Gertz’ Fotografien machen sichtbar, was häufig übersehen oder marginalisiert wird, und
schaffen Räume des Innehaltens, der Aufmerksamkeit und der Wertschätzung kultureller Differenz.
Sie zeigen kulturelle Identität nicht als Abgrenzung, sondern als Beziehungsraum — und als
Grundlage eines pluralen gesellschaftlichen Miteinanders.

Corina Gertz studierte Modedesign und entwarf Kollektionen für internationale Labels in Düsseldorf, Hongkong, Kapstadt und London. Von 2013 bis 2017 hatte sie Lehraufträge an der Beijing University of Technology und war Gastprofessorin an der Xijing University in Xi'an in China. Seit 2001 erforscht Gertz in ihren Fotografien Kleidung als non-verbale Kommunikation - Zeichen von Stand und Status, Gruppenzugehörigkeit, regionaler Identität, Konfession, offizieller Funktion. An ihrer Serie "Das abgewandte Porträt" arbeitet sie seit 2010. Ihre Arbeiten wurden in internationalen Museen und Galerien ausgestellt wie im Marta Herford, Shanghai Art Museum, National Museum of Singapore, Museo delle Culture del Mondo, Genua, und White Box Art Center, 798, Peking.

