
Bernd Telle »
Geist & Materie
Exhibition: 7 Feb – 21 Mar 2026
Fri 6 Feb 18:00

Kunstraum des Konfuzius-Instituts
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90408 Nürnberg
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Wed-Sat 13-18

Bernd Telle
"Geist & Materie"
Ausstellung: 7. Februar bis 21. März 2026
Eröffnung: Freitag, 6. Februar, ab 18 Uhr
Künstlergespräch: Freitag, 6. März, 18 Uhr
Im Mittelpunkt der Ausstellung von Bernd Telle stehen großformatige fotografische Arbeiten, die sich mit der Beziehung zwischen Sehen, Wirklichkeit und Bild auseinandersetzen.
Bernd Telles Fotografie bewegt sich im Spannungsfeld des Realbildes, sprengt jedoch konsequent dessen dokumentarische und romantisierende Konventionen. Durch ungewöhnliche Perspektiven, Spiegelungen, gezielte Bildausschnitte und formale Strenge inszeniert er den fotografischen Augenblick neu und verschiebt die Bedeutung alltäglicher Motive. Seine Bilder irritieren bewusst gewohnte Wahrnehmungsmuster und laden zur reflektierten Betrachtung ein.
Ein zentraler Impuls in Telles Werk ist die Reise als künstlerische Recherche. Seit den 1990er Jahren sucht er weltweit – unter anderem wiederholt in China – nach Motiven abseits touristischer Ikonen. Stattdessen richtet er seinen Blick auf periphere Alltagsszenen, die sich zwischen Vertrautheit und Fremdheit bewegen und sich durch ihre visuelle Verdichtung als autonome Bildwelten behaupten.
Kernstück der Ausstellung ist die Werkserie ANTIPODE (Schlachthof Shanghai). Die Aufnahmen entstanden 2013 im ehemaligen Schlachthof von Shanghai, einem 1933 errichteten Betonkomplex, der heute ein kreatives Zentrum beherbergt. Die labyrinthartige Architektur aus Rampen, Brücken und Wendeltreppen wird in Telles Fotografien zu einem rätselhaften Raumgefüge. Durch die Umkehrung von Seherwartungen – etwa durch das scheinbare Vertauschen von Boden und Decke – sowie das bewusste Fehlen menschlicher Figuren entsteht eine gezielte Desorientierung, die den Blick schärft und das Sehen selbst thematisiert.
Erstmals präsentiert wird die Serie STADT LAND FLUSS (Vollendete Möglichkeitsformen 2), entstanden in einem im Bau befindlichen Vergnügungspark in Südchina. Telle dokumentiert hier die rohe Entstehungsphase mit nassem Beton und skurrilen Rohbauten und entzieht dem Ort jede illusionäre Verheißung. Ergänzt wird dies durch STADT LAND FLUSS (Vollendete Möglichkeitsformen 1), fotografiert 2013 in Zhuzhou (Provinz Hunan), wo westlich anmutende Villen auf dem Dach eines Einkaufszentrums eine surreal wirkende Architekturlandschaft bilden.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Telles Auseinandersetzung mit der traditionellen chinesischen Tuschemalerei. In seinen Panoramaarbeiten überführt er die Prinzipien der Shuimohua 水墨画 und der Shanshui 山水-Malerei in die zeitgenössische Fotografie. Inspiriert von den Karstlandschaften Zhangjiajies in der Provinz Hunan – bekannt als „Avatar-Berge“ – stehen nicht naturalistische Wiedergabe, sondern poetische Verdichtung, atmosphärische Staffelung und großzügiger Leerraum (Qi 气) im Vordergrund. Für die Ausstellung entstand ein großformatiges Panorama von 100 × 270 cm.
Bernd Telles Werk steht im Dialog mit einem zentralen Diskurs der Gegenwartsfotografie: der ästhetischen Kraft der Entkontextualisierung. Indem er Architektur und Landschaft aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang löst, verwandelt er sie in Reflexionsmedien über Bildwirklichkeit, Wahrnehmung und Bedeutungsproduktion. Trotz ihrer poetischen Anmutung sind seine Arbeiten klar konzeptuell angelegt und eröffnen einen Raum für vielschichtige Interpretationen.
Die Ausstellung wird kuratiert von Ronald Kiwitt.
