
© Kristin Schnell
Kristin Schnell »
VOGELFREI?
mit Juliane Lachenmann
Artist Talk:
Thu 11 Jun 19:00

Kunstverein Konstanz
Wessenbergstr. 39/41
78462 Konstanz
07531-22351
info@kunstverein-konstanz.de
www.kunstverein-konstanz.de
Tue-Fri 10-18, Sat/Sun 10-17
Der Kunstverein Konstanz zeigt in Kooperation mit dem Bodensee-Naturmuseum Fotografien der Künstlerin Kristin Schnell. Im Zentrum der Schau steht ihre jüngste Werkgruppe "VOGELFREI?", in der sie sich intensiv mit domestizierten Vögeln auseinandersetzt, die in Volieren leben und in der freien Natur kaum überleben könnten. Ihre Beobachtungen im Vogelkäfig werfen zugleich Fragen nach Freiheit, Verantwortung und den Bedingungen auf, unter denen Tiere heute leben.
Die Beschäftigung mit Vögeln ist ein Sujet, das die Kunstgeschichte seit ihren Anfängen begleitet. Schnell knüpft an die Tradition der Vogeldarstellungen an und entwickelt daraus einen eigenständigen, zeitgenössischen Blick: Sie setzt lebendige Tiere in bewusst konstruierte Bildräume. Schnell, die schon zeitlebens Tiere fotografierte, erhielt einen entscheidenden Impuls für die Serie durch ihren Umzug von Berlin an die Ostseeküste. Dort fand die Fotografin keine unberührte Natur, sondern eine intensiv betriebene Agrarlandschaft vor. Die Vögel – wie die Feldlerchen ihrer Kindheit – waren weitgehend verschwunden. Ihr eigenes Grundstück mit alten Bäumen und wilden Blumen wurde zu einer rettenden Insel; eine dortige 400 Quadratmeter große Voliere entwickelte sich bald zum Asyl für vernachlässigte Vögel.
Diesen geschützten Raum nutzt Schnell als Atelier. Hier baut sie aus Holz, Papier und Stoff farbintensive, geometrische Kulissen, verwendet Utensilien wie Acrylglas, Spiegel, Folien und Blumen und schafft ein künstliches Ambiente, das einer reduzierten Bühnenkulisse ähnelt. In diesen Bildräumen lässt sie ihre Vögel wie Schauspieler agieren. Die Künstlerin stellt das Setting, doch die entscheidenden Momente ergeben sich aus den Bewegungen der Tiere; Steuerung und Kontrolle bleiben dabei weitgehend unmöglich. Oft dauert es Stunden, bis die Tiere - nicht alle lassen sich auf die Situation ein - in die gut ausgeleuchtete Szenerie treten, um neugierig die Requisiten zu erkunden oder mit ihren Artgenossen zu interagieren. Schnells Farbwahl ist inspiriert von frühen Erinnerungen an leuchtende Kirchenfenster und der Farbkraft ihrer Gartenpflanzen. Beim Inszenieren greift sie auf ihre Erfahrung als Modefotografin zurück, als sie für Models Szenarien entwarf. Die Kombination aus strenger Geometrie, kunstvoller Farbgebung und gekonnter Lichtsetzung lässt die Schönheit der Tiere fast surreal erscheinen.
In Schnells Arbeiten liegt eine Spannung, auf die der Titel "VOGELFREI?" verweist: Vögel gelten als Sinnbild der Freiheit, doch sie leben in Volieren. Diese Ambivalenz verleiht den Bildern eine zweite Ebene. Neben der Schönheit und Zartheit der Tiere wird auch der begrenzte Raum des Käfigs spürbar. Die Künstlerin übersetzt diesen Zwiespalt in ihren verschiedenen Bildgruppen: Beispielsweise in "Mikado", darin betonen Stäbe, die das Bild durchziehen, die Anmutung eines Käfigs. "City Lights" arbeitet mit kantigen Requisiten, die den Bildraum verdichten und auf jene Einengung verweisen, die Vögeln in städtischen Lebensräumen zugemutet wird. In „Farewell“ thematisieren stilllebenartige Arrangements den Verlust einzelner Tiere. Es sind Aufnahmen verstorbener Vögel unter freiem Himmel; erst im Tod erfahren sie jene Freiheit, die ihnen zu Lebzeiten – zum Schutz vor Fressfeinden – verwehrt blieb.