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Wahlverwandtschaften
© Isa Marcelli , Blue Moon 1', 2021,
Cyanotypie / Courtesy Johanna Breede

Wahlverwandtschaften

Kathleen Alisch » Nomi Baumgartl » Sibylle Bergemann » Mariya Bilyan » Lillian Birnbaum » René Groebli » Jens Knigge » Koichiro Kurita » Machiko Kurita » Robert Lebeck » Herbert List » Isa Marcelli » Stefan Moses » Ulrike Ottinger » Marek Poźniak » Sheila Rock » Max Scheler » Songwen Sun-von Berg » Yuriko Takagi » Ayako Takaishi » Miriam Tölke » Donata Wenders » Wim Wenders » Kurt Wyss »

Exhibition: 4 Jul – 23 Oct 2026

Fri 3 Jul 18:00

Johanna Breede PHOTOKUNST

Fasanenstr. 69
10719 Berlin

+49 (0)30-88913590


www.johanna-breede.com

Tue-Fri 11-17, Sat 11-14

Wahlverwandtschaften
© Miriam Tölke 'Snapshot', 2022
Collage / Courtesy Johanna Breede

"Elective Affinities"

Exhibition: 4 July – 23 October 2026
Opening: Friday, 3 July, 6pm

When Johann Wolfgang von Goethe borrowed the concept of ‘elective affinities’ from chemistry at the beginning of the 19th century, he was describing a peculiar form of attraction: connections that are unplanned yet arise with an almost natural, self-evident certainty. Substances break away from existing structures and come together anew because there is a deeper affinity between them. The works in Johanna Breede’s group exhibition ‘Elective Affinities’ seem to have found one another in a similar way. In finely composed diptychs, the gallery director brings different artists into dialogue with one another, revealing resonances between their photographs. Some of the artists live on different continents, have worked in different decades, and most of them never met during their lifetimes. Yet in these juxtapositions, forms, lighting moods and gestures seem to respond to one another. The photographic styles relate to one another as if these were not encounters by chance, but as if the works had already known one another long before they are now allowed to meet on the walls.

Johanna Breede has played a rather excellent game of Memory, delving through the past decades of her curatorial work. When she was at Villa Grisebach Auctions, having taken over as head of the photography department for eight years in the late 1990s, she has repeatedly noticed motifs that share a kindred spirit. Motifs so similar to one another that it almost seems as though they were created in the same place, at the same time, or by the same person. The rear views by René Groebli and Donata Wenders, for instance, seem like a quiet convergence spanning decades. Both images withhold the face, instead, focusing on the nape of the neck, the hairline, clothing and skin. It is precisely in this restraint that a great intimacy emerges. The bodies appear soft, fragile and surrendered to the light. The botanical juxtapositions by Ayako Takaishi and Songwen Sun-von Berg also follow a shared language of reduction. Plants become lines, signs in space. Both works possess a meditative calmness, just as calligraphic studies of form, balance and time.

In Donata Wenders’ Red Shoes and the handtinted vintage by Yuriko Takagi, the juxtaposition creates an almost cinematic kinship. The red shoes emerge from the shadows and fabrics like little narrative hubs. The bodies remain partially framed, fragmented, detached. It is precisely this that creates a peculiar tension in the images, straddling fashion, memory and dream. The landscape works by Jens Knigge and Koichiro Kurita are united by a quiet vastness. Individual trees appear lost and yet precisely placed within the landscape. Wind, emptiness and time become almost palpable. The mirror images by Max Scheler and Lillian Birnbaum are also particularly striking. Both photographs depict women in moments of self-reflection. The mirror serves less as a tool of vanity, but rather as a quiet form of inquiry: How do you see yourself? Which version of your own image is reflected back? In the diptych by Miriam Tölke and Isa Marcelli, the faces, branches, the water surface and shadows dissolve into one another. Human and nature no longer appear separate, but rather like fragments of the same memory. The works seem dreamlike and ethereal, almost like images from an inner archive.

*Elective Affinities* is an exhibition about recognition. About visual intuition. About the subtle connections between people, who may have never met, yet leave similar traces behind. The diptychs reveal that images lead a life of their own. That certain forms recur. And that art is sometimes at its most powerful when it begins to look at itself. It is precisely here, where the special power of this exhibition lies: the photographs do not illustrate one another, nor do they explain one another. Instead, spaces emerge – subtle connections that only reveal themselves upon closer inspection. Johanna Breede’s keen sense for thematic counterparts culminates this summer in an exhibition that is a very special labour of love for her. As if the motifs had travelled through space and time, they finally come together under her curatorial care – it’s a match!

Jana Kühle

"Wahlverwandtschaften"

Ausstellung: 4. Juli bis 23. Oktober 2026
Eröffnung: Freitag, 3. Juli, 18 Uhr

Als Johann Wolfgang von Goethe zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Begriff der Wahlverwandtschaften aus der Chemie entlehnte, beschrieb er eine eigentümliche Form der Anziehung: Verbindungen, die nicht geplant sind und sich dennoch mit beinahe naturgesetzlicher Selbstverständlichkeit einstellen. Stoffe lösen sich aus bestehenden Ordnungen und finden neu zueinander, weil zwischen ihnen eine tiefere Affinität wirkt. Die Arbeiten in Johanna Breedes Gruppenausstellung Wahlverwandtschaften scheinen einander auf ähnliche Weise gefunden zu haben. Die Galeristin lässt in fein komponierten Diptychen verschiedene Künstlerinnen und Künstler in den Dialog miteinander treten und Resonanzen zwischen ihren Photographien sichtbar werden. Die Bildurheber leben zum Teil auf unterschiedlichen Kontinenten, wirken in verschiedenen Jahrzehnten, die meisten von ihnen sind einander zu Lebzeiten nie begegnet. Dennoch scheinen in den Gegenüberstellungen Formen, Lichtstimmungen und Gesten einander zu antworten. Die photographischen Handschriften treten miteinander in Beziehung als seien es keine zufälligen Begegnungen, sondern als hätten sich die Arbeiten schon gekannt, lange bevor sie einander an den Wänden nun begegnen dürfen.

Johanna Breede hat eine ganz eigene Form von Memory gespielt und sich durch die vergangenen Jahrzehnte ihres kuratorischen Schaffens gewühlt. Schon während ihrer Zeit bei Villa Grisebach, als sie Ende der 1990er Jahre die Leitung der Photoabteilung für 8 Jahre übernahm, sind ihr immer wieder wahlverwandte Motive aufgefallen. Motive, die einander so sehr ähneln, dass es beinahe scheint, als seien sie am selben Ort, zur selben Zeit oder von derselben Person geschaffen worden. Die Rückenansichten von René Groebli und Donata Wenders etwa wirken wie eine stille Annäherung über Jahrzehnte hinweg. Beide Bilder verweigern das Gesicht, konzentrieren sich stattdessen auf Nacken, Haaransatz, Stoff und Haut. Gerade in dieser Zurücknahme entsteht eine große Intimität. Die Körper erscheinen weich, fragil und dem Licht überlassen. Auch die botanischen Gegenüberstellungen von Ayako Takaishi und Songwen Sun-von Berg folgen einer gemeinsamen Sprache der Reduktion. Pflanzen werden zu Linien, zu Zeichen im Raum. Beide Arbeiten besitzen eine meditative Ruhe, wie kalligrafische Studien über Form, Balance und Zeit.

Bei Donata Wenders’ Red Shoes und der handkolorierten Vintage-Photographie von Yuriko Takagi entsteht durch die Gegenüberstellung eine beinahe filmische Verwandtschaft. Die roten Schuhe treten aus Schatten und Stoffen hervor wie kleine erzählerische Zentren. Die Körper bleiben angeschnitten, fragmentiert, entrückt. Gerade dadurch entwickeln die Bilder eine eigentümliche Spannung zwischen Mode, Erinnerung und Traum. Die Landschaftsarbeiten von Jens Knigge und Koichiro Kurita verbindet eine stille Weite. Einzelne Bäume erscheinen verloren und zugleich akkurat gesetzt in der Landschaft. Wind, Leere und Zeit werden beinahe spürbar. Besonders eindringlich wirken auch die Spiegelbilder von Max Scheler und Lillian Birnbaum. Beide Photographien zeigen Frauen in Momenten der Selbstbetrachtung. Der Spiegel dient dabei weniger der Eitelkeit als einer stillen Form der Befragung: Wie sieht man sich selbst? Welche Version des eigenen Bildes erscheint zurück? Im Diptychon von Miriam Tölke und Isa Marcelli lösen sich Gesichter, Äste, Wasserflächen und Schatten ineinander auf. Mensch und Natur erscheinen nicht länger getrennt, sondern wie Fragmente derselben Erinnerung. Die Arbeiten wirken traumartig und entrückt, fast wie Bilder aus einem inneren Archiv.

Wahlverwandtschaften ist eine Ausstellung über das Wiedererkennen. Über visuelle Intuition. Über die feinen Verbindungen zwischen Menschen, die einander möglicherweise nie begegnet sind und dennoch ähnliche Spuren hinterlassen. Die Diptychen erzählen davon, dass Bilder ein Eigenleben führen. Dass bestimmte Formen wiederkehren. Und dass Kunst mitunter dort am stärksten wird, wo sie beginnt, sich gegenseitig anzusehen. Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Ausstellung: Die Photographien illustrieren einander nicht, erklären sich nicht gegenseitig. Stattdessen entstehen Zwischenräume – leise Verbindungen, die sich erst im genauen Hinsehen öffnen. Johanna Breedes feines Gespür für motivische Pendants mündet in diesem Sommer in einer Ausstellung, die ihr ein ganz besonderes Herzensprojekt ist. Als wären die Motive durch Raum und Zeit gereist, fügen sie sich unter ihrer kuratorischen Obhut endlich zusammen – it’s a match!

Jana Kühle