
Harald Kirschner »
BMW Photo Award Leipzig
Artist Talk:
Sun 13 Sep 11:00

Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstr. 10
04109 Leipzig
+49 (0)341-2169990
Tue-Sun 10-18, Wed 12-20
BMW PHOTO AWARD LEIPZIG
Viktoria Binschtok | Harald Kirschner | Jay Ritchie
Ausstellung: 11. Juni bis 13. September 2026
Künstlergespräche mit Kurator Philipp Freytag und Preisträger*in:
Samstag, 11. Juli, 15 Uhr mit Jay Ritchie
Mittwoch, 12. August, 18 Uhr mit Viktoria Binschtok
Sonntag, 13. September, 11 Uhr mit Harald Kirschner
Mit Viktoria Binschtok, Harald Kirschner und Jay Ritchie erhalten drei ganz unterschiedliche
Künstler*innen den BMW Photo Award Leipzig 2026. Sie gehören nicht nur verschiedenen
Generationen an, sondern bedienen sich auch grundverschiedener fotografischer
Arbeitsweisen, wobei jeder dieser Ansätze eine wichtige Tradition der jüngeren Leipziger
Fotogeschichte repräsentiert.
Harald Kirschner arbeitet in der Tradition der sozialdokumentarischen Fotografie, welche die Leipziger Fotogeschichte vor allem in den ausgehenden 1970er und 80er Jahren entscheidend
geprägt hat. Die Entwicklung der Stadt hat er in den letzten 45 Jahren mit kritischer Empathie
begleitet. In der Ausstellung sind verschiedene Facetten seines fotografischen Schaffens zu
sehen. In den Fotografien aus dem mecklenburgischen Dorf Priborn (1972/1973), zugleich seine
Diplomarbeit, dokumentierte er das Landleben der Zeit im Norden der DDR. Ab 1981 folgten
mehrere, zum Teil langjährig angelegte Serien über verschiedene Leipziger Stadtteile, allen
voran Grünau (1981–91), aber auch das Quartier um die Ernst-Thälmann-Straße (heute:
Eisenbahnstraße) im Leipziger Osten (1981). Die bekannten schwarzweißen
Kleinbildaufnahmen Kirschners werden durch zwei Farbserien ergänzt: Eiger Nordwand (über
den Abriss des umgangssprachlich so bezeichneten Wohnblocks in Leipzig-Grünau 2007) und
Aufnahmen vom Turn- und Sportfest der DDR 1969. Seine fotografischen Auslandsreisen sind
durch die eindrucksvollen Arbeiten aus Kraków (1979 anlässlich des Besuchs von Papst
Johannes Paul II.) und Georgien (1989) vertreten.
Jay Ritchie beschäftigt sich in seinem fotografischen Werk in Form von Porträts mit Fragen von queerer Identität, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit. Dargestellt ist meist er selbst und sein unmittelbares Umfeld. Insofern sind seine Bilder intim, aber durchaus nicht privat im Sinne
einer bloßen Nabelschau. Es geht ihm vielmehr um eine exemplarische Auseinandersetzung
mit gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen im binären Geschlechtersystem.
In der Ausstellung werden Werke aus drei Serien gezeigt: den Wahlverwandtschaften (seit
2020) sowie den Körperbildern und Portraits. Letztere sind Bestandteil der Serie In
transparenter Formation (seit 2023), in der sich Ritchie anhand der eigenen Transition mit
Aspekten von Identität und Gender – dem sozialen in Abgrenzung zum biologischen
Geschlecht – beschäftigt, das seinem Verständnis nach "kein starres Konstrukt", sondern ein
"fließendes Kontinuum" ist. Diese Auffassung findet auch in der Materialität der Arbeiten ihren
Ausdruck, indem der Künstler sie auf Plexiglas druckt und ihnen so eine halbtransparente
Anmutung verleiht. Er knüpft mit seiner fotografischen Arbeit an bedeutende Traditionen der
Fotogeschichte an. Man denke etwa an Nan Goldin, Catherine Opie oder Rineke Dijkstra. Nicht
zuletzt ist sein Schaffen aber auch eng mit einer bedeutenden Richtung der jüngeren Leipziger
Fotogeschichte verknüpft, nämlich der Klasse von Tina Bara.
Viktoria Binschtoks medienreflexiver Zugang zur Fotografie geht auf die Vertreter*innen der sogenannten Pictures Generation in den USA ab Ende der 1960er Jahre zurück und wurde von ihrem Lehrer Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) etabliert. In
der Ausstellung zeigt die Künstlerin Arbeiten aus den Serien Networked Images (2017–2022),
Typewriter Photographs (2022/2023) und Digital Semiotics (2025/2026). Charakteristisch für
diese – wie für ihr gesamtes Werk – ist, dass sie ihr Medium nicht zur Dokumentation und
Deutung der Welt, sondern zur Analyse unserer bildlichen Verständigung über die Welt nutzt.
Dabei interessiert sie besonders die visuelle Kommunikation im digitalen Raum. Binschtoks
Ansatz erstreckt sich auch auf die Präsentation ihrer Werke in Ausstellungen. Das gilt
besonders für die Networked Images, in denen sie Fotografien allein auf der Grundlage
formaler Ähnlichkeiten zu Bildpaaren oder größeren Gruppen zusammenfasst, wobei sie
scheinbar nahtlose Übergänge zwischen den Bildern konstruiert, die Einzelbilder zugleich aber
durch Rahmen voneinander trennt. Viktoria Binschtoks vordergründig affirmative, dabei jedoch ebenso humorvolle wie kritisch reflektierte Analysen der digitalen, KI-gestützten Bildkultur der Gegenwart sind von hoher fotohistorischer und gesellschaftlicher Relevanz.
In der Ausstellung werden von allen drei Preisträger*innen Arbeiten aus unterschiedlichen
Werkgruppen präsentiert, um einen möglichst breiten Überblick über ihr Schaffen zu
vermitteln. Jede Position erhält einen eigenen Raum, um sie in ihrer Eigenständigkeit
hervorzuheben. Durch die Struktur der Ausstellungsräume ergeben sich zugleich interessante
Begegnungen zwischen den drei Werken.
Mit dem BMW Photo Award Leipzig werden alle zwei Jahre Künstler*innen gefördert, die
entweder einen biografischen Bezug zu Leipzig und der Region haben oder sich in ihrer
künstlerischen Arbeit mit der Stadt und ihrer Umgebung auseinandersetzen. Voraussetzung
ist die Arbeit im Medium Fotografie oder verwandten Bildmedien. Die jeweils drei
Preisträger*innen ermittelt eine wechselnde, international besetzte Vorschlagsjury,
bestehend aus Künstler*innen, Kurator*innen, Kunsthochschulprofessor*innen und anderen
Fachleuten. Der Preis ist mit 5.000 € je Künstler*in dotiert und mit einer gemeinsamen
Ausstellung inklusive Katalog im MdbK verbunden.
Mit der Auslobung des Preises verbinden BMW und das MdbK mehrere Anliegen. Zunächst geht es um eine allgemeine Stärkung des Fotografiestandortes Leipzig und der hier arbeitenden Fotograf*innen. Vor allem junge Positionen und solche, die aus Sicht der Jury bislang nicht angemessen öffentlich gewürdigt wurden, sollen in den Blick genommen werden. Darüber hinaus ist der Preis Ausdruck des
hohen Stellenwerts der Fotografie am MdbK und der seit über 20 Jahren andauernden
vertrauensvollen Zusammenarbeit des Hauses mit BMW in diesem Bereich. Und schließlich
soll die Ausstellung der prämierten Arbeiten einen künstlerischen Beitrag zur
gesellschaftlichen Selbstvergewisserung über Geschichte und Gegenwart der Stadt und
mögliche Perspektiven für ihre Zukunft leisten.
Die Jury-Mitglieder waren Florence Bourgeois (Direktorin Paris Photo), Cihan Çakmak (Künstlerin, Berlin), Adrian Sauer (Künstler und Professor, Leipzig/Bielefeld), Sabine Schmid (Kuratorin Villa Stuck, München) und Philipp Freytag (Kurator für Fotografie und Medienkunst MdbK).
Der zweisprachige (dt./engl.) Katalog zur Ausstellung erscheint im Juni 2026 im Sandstein Kultur Verlag. Der Band ist für 25€ im MdbK und 28€ im Buchhandel erhältlich.
Künstlergespräche mit Kurator Philipp Freytag und Preisträger*in:
Samstag, 11. Juli, 15 Uhr mit Jay Ritchie
Mittwoch, 12. August, 18 Uhr mit Viktoria Binschtok
Sonntag, 13. September, 11 Uhr mit Harald Kirschner